Rückblick: Tour de France 2017 in Düsseldorf

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Französischer Wein, deutsches Sommerwetter

Das größte jährliche Sportereignis der Welt beginnt am Rhein, und als Deutscher muss man sich erstmal beschweren. Überall Absperrungen, ganz klar viel zu wenig Bier- und Wurstbuden, diese besoffenen Belgier! Und, ganz klar, das Wetter.
„Welcher Fahrer kommt denn als nächstes?“  – „Ich seh ja eh nichts Brigitte, der Herr macht ja seinen Schirm nicht zu. HALLO, es regnet gar nicht mehr!“

Die angereisten Belgier, Franzosen, Niederländer und Kolumbianer störten sich nicht am Dauerregen und den vereinzelten frostigen Einheimischen. Auch einige Deutsche amüsierten sich und Klatschten enthusiastisch mit den vorher verteilten Klatschpappen. Die VIP Boote schipperten hinter uns über den Rhein und entlang der Strecke war die Stimmung hervorragend.

Im Vorfeld gab es einige Kritik. Die Tour de France einzuladen ist nicht günstig, und der Rücken der Steuerzahler ist bekannterweise nicht so flexibel wie Tony Martin’s perfekt-flacher Oberkörper auf seinem Canyon Zeitfahrrad (Kraftwerk Edition). 13 Millionen Euro für Organisation und Sicherheit, inklusive ca. 5 Millionen Euro Lizenzgebühr an die Tour-Veranstalter ASO. 70% der Kosten wurden von Sponsoren getragen. Wirtschaftlich müsste es sich für die Stadt dennoch gut ausgezahlt haben: die Tour umspannt ein Tross von 5.000 Menschen, für Fahrer und Teams werden allein 2.500 Hotelzimmer gebucht. Eine halbe Million Besucher waren im Regen entlang der ersten Zeitfahretappe zu sehen, bei der zweiten Etappe waren es zwischen 600.000 – 800.000. Beim Grand Depart in Utrecht 2015 kamen eine Millionen Besucher bei perfektem Wetter, Utrecht ist allerdings eine „echte“ Fahrradstadt und gegenüber dem gesamten Thema Radsport etwas offener eingestimmt.

Ein bisschen Meckern…

Ein paar mehr Schilder wären super gewesen. Vor der ersten Etappe verirrte ich mich heillos im Nordpark und stolperte über den sehr engen Startbereich, den ich direkt wieder verlies. „Bonne Chance“ stand auf den Werbebannern, ich deutete es als: Viel Erfolg dabei, hier wieder raus zu finden. Viele Zuschauer irrten durch die Parkanlage, später wurden die Sackgassen mit Flatterband abgesperrt.
Ungefähr eine Stunde nach dem Start fand ich den Bereich für die Teambusse – aber auch erst, nachdem ich einen der freundlichen TOUR-MAKER, rot gekleidete Freiwillige, gefragt hatte. Da war meine Sturheit wohl schuld.

quick step team bus düsseldorf 2017

„Come thru it’s lit“

So hautnah wie beim Grand Depart in Lüttich kam man ohne Presseakkreditierung, die ich natürlich nicht bekommen hatte (dank ASO, aber verständlich, ich bin kein Journalist) nicht mehr heran. Ich konnte mich dennoch (Achtung, name dropping) am Team Sky Teambus sehr entspannt mit Rod Ellingworth unterhalten, den ich im März diesen Jahres auf Mallorca auf ein Bierchen kennenlernen durfte. Rod wusste zwar, dass Kraftwerk am Abend in Düsseldorf spielen, hatte aber als Fan der gepflegten Gitarrenmusik nie Sinn für komplizierten, deutschen Krautrock. Dass mir die kryptischen Streifen auf den Team Sky Jerseys auch zu hoch sind, habe ich nicht erwähnt.

Beim Konzert wieder deutsche Zustände, Unverständnis darüber, dass ich mich „jetzt da hinstelle“ und Durchgangs-Blockade-Politik von Herren in Jack Wolfskin Jacken. Ich fand ein wunderbares Plätzchen sehr weit vorne mit freiem Blick auf ca. drei Reihen schütteres Haar und die Bühne. Während des Konzerts wurde bis an die Grenzen des Urheberrechts mit dem Handy drauf gehalten. Ich habe auch kichernd jemanden dabei beobachten können, wie er die 3D Effekte fotografisch einfangen wollte, indem er die 3D Brille an die Handykamera hielt. Hm!
Wer, so wie ich, eine andere Show erwartet hat als die, die vor zwei Jahren auf der Tour bereits gezeigt wurde, wurde etwas enttäuscht. Wer, auch wie ich, eine sehr gute Show als Abschluss eines perfekten Tages erwartet hat, wurde dennoch vollends belohnt.

Haben die zwei Tage in Düsseldorf dem deutschen Publikum das Thema Radsport wieder näher gebracht? Bestimmt! Düsseldorf war als Austragungsort in den Medien sehr präsent, wenn auch leider oft nur in Form von Überschriften wie „Tony Martin nur Vierter in Düsseldorf“. Das mit der Begeisterung für sportliche Großereignisse, abseits vom Fußball, muss man den Deutschen noch beibringen, der Grand Depart in Düsseldorf war ein sehr guter Anfang.

Tipps & Tricks für Zeitfahretappen

Was ist als Zuschauer bei einer Zeitfahretappe zu beachten?

  • Nicht an den Start- oder Zielbereich stellen, da sieht man schließlich immer nur einen Fahrer alle drei Minuten. Man sollte die Entfernung zu den Dixi-Klos und Bierbude austarieren und einen Weg entlang der Strecke finden, bei dem sich abfahrende und ankommende Fahrer treffen – mehr Action!
  • Zu Belgiern, Niederländern, Kolumbianern stellen bedeutet eine laute, aber lockere, spaßige Atmosphäre.
  • Vorher sollte man die Reihenfolge der Fahrer mit Abfahrzeiten ausdrucken, um abzupassen, wann man gegenüber seinem Wegnachbarn klugscheissen kann. „Ah jetzt kommt Phinney, ein guter Fahrer, aber lange verletzt!“
  • Lieber Regenponchos statt Regenschirmen, wenn man sich nicht den Zorn von Zuschauern zwei Reihen neben einem einhandeln will, siehe Beispiel im ersten Absatz.
  • Im Zweifel einen der Helfer fragen, das hätte mir viel Rennerei erspart.
  • Rechnet nicht damit, dass ihr Handyempfang habt.
  • Hunde auf die Schultern nehmen, Kinder bitte anleinen.

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