Rückblick: Highlights der Radsportsaison 2012

Die Saison 2012 endet spätestens dann, wenn uns Bilder rund um das Amstel Curaçao Race mächtig neidisch machen. Knapp zehn Monate, viel Dramatik, Stürze und Skandale später widmen wir uns unseren persönlichen Highlights und den Dingen, auf die wir uns 2013 besonders freuen:

John Degenkolb, allgemein

Ist es der neue Schnurrbart? Die hippe Frisur, das smarte Lächeln? Wahrscheinlich alles zusammen (schnell Radfahren kann er natürlich auch). John Degenkolb wechselte in dieser Saison von HTC-Highroad zum niederländischen Team Argos-Shimano und holte sich dort direkt 12 Siege und den ersten Tabellenplatz in der UCI Europe Tour. Seine fünf Etappensiege bei der Vuelta de España machten ihn zum Sprintkönig der dritten großen Grand Tour der Saison, so viele Etappensiege schaffte dort bisher noch niemand. Es war erst die zweite Grand Tour an der er überhaupt teilnahm. Ganz zu schweigen von den netten Interviews die der Junge gibt:

Tom Boonens Soloritt / Frühjahrssaison

Tommeke gibt Stulle, 52km alleine bis zum Velodrom in Roubaix. Nach dem Sieg bei der Flandern Rundfahrt holte sich Tom Boonen somit auch den zweiten prestigeträchtigen Sieg in dieser Frühjahrssaison. Als erster Fahrer überhaupt schaffte er es sich das Double zwei Mal zu holen. Dann gewann er auch noch bei Gent-Wevelgem, den E3 Prix Harelbeke, die Gesamtwertung bei der Katar Rundfahrt und natürlich den belgischen Meistertitel. Zum Rest der Saison wurde es verletzungsbedingt ruhiger um ihn, mit seiner Leistung in diesem Frühjahr hat er sich jedoch endgültig in die ewige Favoritenliste bei den Klassikern gemeißelt.

Underpants Man

Was bewegte einen Zuschauer bei der Giro dazu in Unterhosen aufzutauchen? Und warum nahm er dem Team Farnese Vini ein Fahrrad ab? Mehr dazu in meinem Artikel vom 26. Mai.

 Thibaut Pinots Etappensieg bei der Tour / Marc Madiot schreiend im Auto

Als der 22-jährige Thibaut Pinot die achte Etappe der Tour im Alleingang gewann, war Marc Madiot, sportlicher Leiter bei FDJ-BigMat schon auf dem Weg zur Ziellinie ganz aus dem Häuschen. Dies war der langersehnte Etappensieg seiner Equipe, im letzten Jahr waren FDJ bei der Tour leer ausgegangen. FDJ ist neben AG2R die Nachwuchsschmiede des französischen Radsports, mit Pinot hatte Marc Madiot ein glückliches Händchen bewiesen – er gewann als jüngster Fahrer im Feld bei seinem ersten Start bei einer Grand Tour.

Toursieger Bradley Wiggins begann seine Karriere übrigens auch bei FDJ unter Marc Madiot, hat sich allerdings nicht immer sehr geschickt angestellt.

 Die Tour de France als Besucher

Falls man selbst noch nicht die Gelegenheit hatte das größte jährliche Sportevent der Welt selbst zu erleben, sollte man das dringend nachholen. Wenn man nicht gerade in Belgien oder den Niederlanden aufgewachsen ist, wird man als zurückhaltender Radsportfan in der deutschen Minderheit erstmal vom Enthusiasmus der Fans überrumpelt – bevor man fünf Minuten später selbst an der Bande steht und Klödi beim Vorbeifahren ins Ohr schreit. Unser Besuch beim Prolog in Lüttich hat einfach Spaß gemacht! Bei keiner anderen Sportart ist man den „Stars“ so nahe. Es findet auf öffentlichen Straßen statt, ist kostenlos und ausserdem muss man allein diese alberne Werbekaravane einfach mal gesehen haben. Hier unser Fotoset aus Lüttich, hier der komplette Reisebericht.

Die Redaktion im intimen Zwiegespräch mit Andreas Klöden

Giro d’Italia & Vuelta a España

Die diesjährige Giro und die Vuelta könnten gegensätzlicher nicht verlaufen sein. In Italien taten sich die frischen, neuen, jungen Helden hervor – Taylor Phinney (21) trug das Maglia Rosa vier Etappen lang, er trat bei der Giro ins Rampenlicht und bestätigte in dieser Saison einen Anspruch auf den Platz als neues amerikanisches Wunderkind (im Gegensatz zu Lance jedoch ausgesprochen reflektiert zum Thema Doping) Letztendlich gewann der eher unbekannte Kanadier Ryder Hesjedal die Rundfahrt und löste einen Radsportboom in seinem Heimatland aus.

Abgesehen von John Degenkolbs fünf Etappensiegen wurde die Vuelta geprägt von den „alten“, etablierten Helden – Alberto Contadors Duelle mit Purito Rodriguez und Alejandro Valverde. Das war spannend anzusehen, hinterließ aber leider durch die vorausgegangen Dopingsperren von Contador & Valverde einen faden Beigeschmack. Contador bewies bei der Vuelta, dass ihm die durch die Sperre fehlende Rennerfahrung in dieser Saison keinen Nachteil bot und entschied die Gesamtwertung für sich.

Wenn die Vuelta die spannendste Rundfahrt in diesem Jahr war, dann war die Giro die schönste. Thomas de Gents Sieg bei der Königsetappe am Passo dello Stelvio schien dabei besonders heraus. Er fuhr auf seiner Trainingsstrecke auf den 3. Gesamtplatz.

Darauf freuen wir uns 2013:

Thor Hushovd

Ach Thor, wie hast du dich in unser aller Herzen gefahren als du dich bei der Tour 2009 mit für deine Statur eher unpassenden Bergausflügen zu den Zwischensprints (mit Grüßen in die Kamera) und bei deiner Statur typischen hervorragenden Abfahrskills das Grüne Trikot gesichert hattest. Im Schatten deines eckigen Gluteus Maximus haben selbst die schnellsten Sprinter keine Chance an dir vorbeizukommen. Selbst im Polkadot Skinsuit machst du eine gute Figur, mit Perücke und Hammer in der Hand sowieso. Norwegische Fans widmen dir Hymmnen, wir konnten dir in dieser Saison nicht einmal einen Beitrag spenden – ein Virus überschattete deinen Wechsel zu BMC und hat dich fast das ganze Jahr ausgehebelt, böse Zungen behaupten sogar es handelte sich um den „welche Rolle spiele ich in dem Team eigentlich, ich hätte bei Garmin bleiben sollen“ – Virus. Wir freuen uns auf die nächste Saison, wenn du das Grüne Trikot nicht nur durch Sprints, sondern auch durch Solofahrten gewinnst (Mark Cavendish kann das nämlich nicht). Mit dir im Peloton hätte Peter Sagan keine Gelegenheit für alberne Siegergesten. Am besten hast du uns übrigens im Weltmeistertrikot gefallen…

Fabu

Das letzte Bild von Fabian Cancellara in dieser Saison: bei den Olympischen Spielen, weinend am Arm seines Trainers, kurz nachdem er sich das Schlüsselbein auf der Zielgerade in einer unterschätzen Linkskurve brach und den sicher geglaubten Podestplatz verspielte. Kein würdiges Saisonende für den Berner Bär, Spartakus, Werbemodell für Gemüsebuillon / Schweizer Bauern / teure Uhren und einen der beliebtesten Fahrer im Feld. Die Fusion von Radioshack mit Leopard hat ihm, wie im Grunde dem ganzen Team, kein Glück gebracht – allerdings war der Prologsieg bei der Tour de France vor Bradley Wiggins ziemlich beeindruckend, jedoch leider der einzige bemerkenswerte Sieg des Schweizers. Sein dreifacher Schlüsselbeinbruch bei der Flandern Rundfahrt vermieste ihm die Klassikersaison, aber wir wissen es jetzt schon:  verlässlich wie ein Schweizer Käse (oder wie war das) – Fabu kommt 2013 in mindestens eine Top 3 der wichtigsten Frühjahrsklassiker.

Andy vs Alberto

Darüber dass die diesjährige Tour de France langweilig war, lässt sich sicherlich streiten, argumentieren, abwägen und zum Schluss kommen: Ja, war schon eher langweilig. Fakt ist jedoch, dass die Tour 2011 durch die Duelle zwischen Andy Schleck und Alberto Contador, inklusive Attacken an nebelverhangenen Berhängen, Sticheleien mitten im Rennen, ein Kettenverlust und dem daraus resultierenden entscheidendem Zeitverlust an Spannung nicht zu unterbieten war. Dieses Jahr musste Alberto seine Sperre und Andy seine Verletzung aussitzen – hoffen wir dass keine Rindersteaks/Nahrungsergänzungsmittel und Brüche an kritischen Stellen die beiden zur nächsten Saison hin aufhalten werden – auch um den doofen Witzen (spanisches Fleisch!) endlich Einhalt zu gebieten.

Marcel Kittel bei der Tour de France

Ja, das hat nicht ganz geklappt dieses Jahr. Während wir ihn noch selig lächelnd vor dem Prolog in Lüttich durch die Menge haben fahren sehen, streckte ihn am nächsten Morgen ein Magenvirus/Montezumas Rache und die später durch die verkrampfte Haltung auf dem Rad resultierenden Knieschmerzen danieder und zwangen ihn zur Aufgabe bei seiner ersten Tour de France. Aber immerhin ist Marcel mit sauberem Trikot und vielen Ambitionen zurückgekehrt, um eine Erfahrung reicher. Sein wunderbares Sektduschen-Gesicht konnten wir unter anderem schon auf zwei Etappen bei der Eneco Tour bewundern, im nächsten Jahr wird er sich die Chance bei der Tour de France auf dem Podium eine Magnumflasche Champagner in die Hand gedrückt zu bekommen, nicht entgehen lassen.

Argos-Shimano als ProTour-Team

Wenn ein Team den Aufstieg in die ProTour Liga und sich damit einen automatischen Startplatz in allen World Tour Rennen verdient hat, dann Argos-Shimano. Eine durchdachte Teamphilosophie, junge Fahrer die gerne und oft ihre wohlüberlegte Meinung zu aktuellen Problemen im Peloton äussern, beeindruckende Bärte und sexy Sprinter – wenn die UCI die Jungs nicht aufsteigen lässt, handelt es sich ganz sicher um eine Verschwörung. Dann muss ein Spendenkonto gegründet und Prozesse geführt werden. Argos-Shimano for ProTour Status, bitte!

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