Rückblick: Die zweite Woche der Giro d’Italia 2012

Die erste Woche der Giro d’Italia endete mit zwei mittleren Bergetappen, bei denen die Angeber begannen, sich von den Anwärtern zu unterscheiden. Insgesamt drei Fahrer trugen bisher das Rosa Trikot, Mark Cavendish holte sich mit zwei Siegen und trotz eines Crashs die Führung in der Sprintwertung und bereitete sich seelisch schon mal darauf vor, die anstehenden Bergetappen fast jedes Mal im letzten Grupetto zu beenden.

13. Mai 2012 – 8. Etappe – mittlere Bergetappe von Sulmona nach Lago Laceno

Hier traf die Giro auf ihren südlichsten Punkt der Rundfahrt und es betrat ein nur 1,65m großer Mann die Radsportbühne mit einem beeindruckenden Solo-Sieg: der 29-jährige Domenico Pozzovivo vom Colnago-CSF Inox Team gewann in diesem Jahr bereits die Giro del Trentino und nutzte sein gesteigertes Selbstbewusstsein für seinen ersten Etappensieg bei einer Grand Tour. Pozzovivo zog vom Süden in den Norden Italiens, um seiner Radsportkarriere auf die Sprünge zu helfen und sein Studium in BWL zu beenden. Das Thema seiner Abschlussarbeit: „Süditalienische Politik von der Einheit Italiens bis heute“. Nebenbei interessiert er sich für das Wetter und spielt Klavier. Sein Kommentar zu seiner Größe: „Ich wäre zwar nicht gerne 2,10m und ein Basketballspieler aber es wäre super 1,80m oder 175m groß zu sein, um jedem in die Augen schauen zu können.“

Domenico Pozzovivo auf dem Siegertreppchen. Keine doofen "size does matter"- Witze bitte.

Ryder Hesjeda blieb im rosa Trikot, dennoch holte sich Joaquim Rodriguez vom Team Katusha durch seinen dritten Platz einen Zeitbonus von 8 Sekunden, was ihn auf den zweiten Platz vordringen ließ. Auch Ivan Basso’s Team zeigte weiterhin das selbe Muster: Sylvester Szymd und weitere Teamkollegen machten vorne Tempo und kontrollierten den Rest. Sonstiges: Daniele Bennati hatte Fieber und schrieb sich nicht mehr für diese Etappe ein.

14. Mai – 9. Etappe – Flachetappe von San Giorgio nel Sannio nach Frosinone

Matthew Goss im roten Trikot, im freien Fall

Die neunte Etappe durch die Ciociaria umfasste viele kleine Anstiege, nur um die Sprinter ein wenig zu ärgern. Joaquim Rodriguez, nur 9 Sekunden hinter Ryder Hesjedal im Gesamtklassement, entschied sich auf den letzten 7 Kilometern zu attackieren und versetzte den Rest in Panik. Die bereits erwähnten, fiesen, kleinen Anstiege machten es den Teams und deren langsam einsetzenden Sprintzüge jedoch einfach, ihn wieder einzuholen. Auch Pippo Pozzato und Adam Hansen versuchten ihr Glück und wurden trotz Allem wieder eingefangen, letzterer schaffte es am Ende dennoch, den Sprintzug von Mark Cavendish ein wenig durcheinander zu bringen. In der letzten Kurve kam es dann zu einem Missverständnis mit folgen: Matthew Goss wollte einen großen Bogen machen, Pippo Pozzato verstand nach eigener Aussage nicht, was er vorhatte und fuhr geradeaus – direkt in ihn hinein. Mark Cavendish konnte zwar noch abbremsen, fiel aber in Zeitlupe in seinen Vordermann Sebastian Haedo; Mark Renshaw hingegen konnte dem herrenlosen Rad von Matt Goss, welcher hart auf seine Hüfte fiel, gerade noch ausweichen. Mit den Sprintern aus dem Weg geräumt, gewann Francisco Ventoso vom Movistar Team die Etappe. Pippo Pozzato klagte über einen Knochenriss im Handgelenk und musste die Tour aufgeben, jedoch nicht ohne sich am nächsten Morgen im Teambus von Sky und Orica-GreenEdge offiziell für den Crash, welchen er verursacht hatte, zu entschuldigen.

15. Mai – 10. Etappe – Mittlere Bergetappe von Civitavecchia nach Assisi

Rodriguez - big pimpin'

Es war absehbar und auch irgendwie verdient: Joaquim Rodriguez, aka „Purito“ meldete schon in den vorausgegangenen Etappen Interesse auf das rosa Trikot an und hatte an der Ziellinie, nach einem letzten Anstieg, nicht nur den Sieg, sondern auch 20 Sekunden Zeitbonus auf seinem Konto; genug um den Sechsten im Ziel, Ryder Hesjedal, die Gesamtführung abzunehmen.

Zuvor hoffte das Team Garmin-Barracuda noch auf einen Sieg der Ausreisser; in weiser Voraussicht, denn in diesem Fall würde der Vorteil eines Zeitbonusses keinen Schaden anrichten, da sich alle Ausreisser fernab der ersten Klassementränge befanden. Auf den letzten 10 Kilometern wurde die Gruppe um Stef Clement trotzdem eingeholt und die Vorhersage einiger Experten, dass bei dieser Etappe Puncheure den Ausgang entscheiden, bewahrheitete sich: es folgten weitere kleiner Attacken, danach begann der Kampf um den Bonus. Am letzten Anstieg mit 15% Steigung scheiterten die letzten Anwärter und nur der Sieger vom Flechè Wallone und Experte in Bergaufsprints, Joaquim Rodriguez, konnte sich letztendlich durchsetzen und führt nun mit 17 Sekunden vor Hesjedal. Weitere Favoriten: Paolo Tiralongo und Roman Kreuziger von Astana auf den Rängen 3 und 4, sowie Benat Intxausti und Ivan Basso auf den nächsten Plätzen.

16. Mai – 11. Etappe – Flachetappe von Assisi nach Montecatini Terme

Ihr erinnert euch sicher an die 3. Etappe der Giro: Roberto Ferrari verursachte einen Crash, seinen darauf folgende Verbannung auf die letzten Ränge wurde heiß diskutiert – weil die meisten Fahrer, u.a. Mark Cavendish, ihn am liebsten im nächsten Flugzeug nach Hause gesehen hätten. Wie bereits erwähnt, entschieden die Kontrolleure jedoch auf „keine Absicht“ von Seiten Ferrari, ein Rausschmiss wäre also nicht gerechtfertigt. Ferrari entschuldigte sich und wurde weiterhin geduldet, das Thema war eigentlich durch.

Dann zeigte Ferrari jedoch seine unübersehbaren Stärken im Sprint und blamierte Mark Cavendish, welcher seinen Sprintzug auf den letzten 400 Metern in einem Crash verlor und am Ende nur Vierter hinter dem geächteten Italiener wurde. Die Diskussion ging wieder los, dabei zeigte Ferrari’s Sieg letztendlich nur, dass eine gute Platzierung, etwas Glück und Dreistigkeit, eigentlich Cavendish’s Markenzeichen, oft entscheidender sind, als kurze, schnelle Beine.

17. Mai – 12. Etappe – Mittlere Bergetappe von Seravezza nach Sestri Levante

Lars Ytting Bak freut sich

So langsam ging es in die Alpen, durch den schönsten Teil Liguriens hinunter zur Italienischen Riviera. Es bestanden gute Chancen auf den Sieg eines Ausreissers, welcher sich am Ende aus einer bunten Gruppe, darunter Sandy Casar von FDJ-Big Mat, Andrey Amador von Movistar, Michael Golas (Omega Pharma-Quickstep) und Lars Ytting Bak von Lotto Belisol, ergeben sollte. Ab dem 50. Kilometer führten sie das Peloton an und ließen Sandy Casar fast schon sicher auf das Rosa Trikot hoffen, in welchem er sich ab dem 100. Kilometer „virtuell“ befand. Auf den letzten 35. Kilometern zog Liquigas das Tempo des Hauptfeldes an, Casar und die restlichen Ausreisser bekamen auf dem Valico La Mola, ein Berg der zweiten Kategorie, sichtlich Probleme damit, ihren Vorsprung zu halten. Nach und nach wurde die Gruppe kleiner, ihre Mitglieder eingesammelt, bis Lars Ytting Bak, sträflich unterschätzt, auf den letzten 1,5 Kilometern aus der Gruppe heraus attackierte und sich als Zeitfahrspezialist schnell absetzen konnte. Er hatte bis zum Zielstrich noch genug Meter übrig, um seinen ersten Sieg bei einer großen Rundfahrt gebührend zu feiern. Sandy Casar folgte 11 Sekunden später, zwar nicht im Rosa Trikot, jedoch für den nächsten Tag überraschend auf dem dritten Rang im Gesamtklassement.

18. Mai – 13. Etappe – Flachetappe von Savona nach Cervere

Endlich: ein spannender Sprintsieg, ein zufriedener Sieger, keine Stürze im Finale. Mark Cavendish holte sich durch eines seiner Talente, auch in schwierigen Situationen cool zu bleiben, seinen dritten Etappensieg bei der diesjährigen Giro. Es war spannend und beeindruckend anzusehen, wie es Cavendish gelang, sich, trotz einer offensichtlich ausweglosen Situation zwischen Bande und gegnerischem Sprintzug, durchzuwieseln und zum Finale anzusetzen, welches er um über einer Radlänge vor Alexander Kristoff und Mark Renshaw gewann. Letzterer hatte durch seinen dritten Platz doch noch Hoffnung auf einen funktionierenden Sprintzug bei Rabobank.

Cavendish hatte zuletzt immer wieder sein Bedauern geäussert, dass sich sein ehemaliger Teamkollege, erster Anfahrer und guter Kumpel, Mark Renshaw, nach der Auflösung von HTC dagegen entschied, mit Cav zu Team Sky zu wechseln und stattdessen eine Karriere als Sprinter bei Rabobank anstrebte – mit bis heute ausbleibenden Ergebnissen und gelegentlichen Seitenhieben, sowie offen ausgesprochen Zweifeln an seiner Sprinterqualität von der Nummer eins und beleidigten Leberwurst höchstpersönlich: Mark Cavendish. Währenddessen äusserte Cav selbst Zweifel an seinen Qualitäten in den anstehenden Bergetappen; nun lag es an ihm, aufgrund der Karenzzeit, an welcher er fast jedes Mal haarscharf vorbeischrammt, nicht aus dem Rennen zu fliegen und sein rotes Trikot bis nach Mailand zu fahren.

19. Mai – 14. Etappe – Bergetappe von Cherasco nach Cervinia

An diesem regnerischen Samstag führte die Giro ihre Teilnehmer zum ersten Mal in eine „echte“ Bergetappe; die Ziellinie in Cervinia befand sich nur 10 Kilometer von der Schweizer Gerenze entfernt. Mit Joaquim Rodriguez besaß noch immer ein Baske das Rosa Trikot, mit Hesjedal und Casar als direkte Anwärter darauf.

Bei dieser ersten schweren Bergetappe sparten sich im Vorraus einige Sprinter den Gang zur Startlinie: Matt Goss stieg wegen einer schmerzenden Hüfte (Sturzfolgen aus der 9. Etappe) aus dem Rennen aus, Mark Renshaw bereitete sich lieber auf die Tour de France vor und Brett Lancester, welcher in der Nähe von Köln wohnt und als gebürtiger Australier für Orica-GreenEdge fährt, machte sich lieber auf den Weg nach Hause zu seinem neugeborenen Baby.

Andrey Amador und Jan Barta nach der ersten schweren Bergetappe

Erste Ausreißversuche waren zwar zuerst erfolgreich, wurden dann aber in der Abfahrt zunichte gemacht: aufgrund der nassen Straßen fuhren die meisten eher vorsichtig die Berge hinunter. Dennoch setzten sich einige Fahrer beim 60. Kilometer erfolgreich ab. Andrey Amador war einer der Fahrer, welche es den gesamten Tag über schafften in dieser Gruppe zu bleiben, was sich am Ende auch auszahlte: Der Fahrer aus Costa Rica gewann seine erste Etappe bei einer großen Rundfahrt, vor Jan Barta vom Team NetApp, welches mal wieder zeigte, dass das Team aus gutem Grund eingeladen wurde.

Mit einer mutigen Attacke 4 Kilometer vor dem Finish, auf die weder Rodriguez noch Ivan Basso antworten konnten, holte sich Ryder Hesjedal das Rosa Trikot zurück. Er hatte es sehr vermisst.

20. Mai – 15. Etappe – Bergetappe von Busto Arsizio nach Lecco / Pian Dei Resinelli

In den Köpfen der Fahrer wurde der Ruhetag am darauffolgenden Montag sehnlichst herbeigesehnt, schließlich waren sie am Ende der Etappe gezwungenermaßen bereits 12 Tage lang ohne einen Tag Pause ausgekommen. Vorher ging es allerdings noch über fünf Berge, am Ende wartete eine Bergankunft auf die müden Beine. Der erste Anstieg entsprach direkt der höchsten Kategorie, die beiden letzten waren nicht minder schwer. Ivan Basso’s Zuhause ist hier direkt um die Ecke, der letzte Berg gehört zu seinen Favoriten im Training, blöd nur, dass er bei dieser Etappe irgendwie keine Rolle spielte.

Der Held des Tages war Matteo Rabottini, ein Italiener vom neonfarbenen Team Farnese Vini, welcher bereits nach 20 Kilometern attackierte und über 150 Kilometer vorne blieb. Während die gesamte Radsportwelt mitfieberte und hoffte, dass der kleine Mann mit den eigenartigen Grimassen seinen Vorsprung ins Ziel rettet, schloss auf dem letzten Kilometer Joaquim Rodriguez auf und es kam zu einem Sprint – Rabottini gewann mit letzter Kraft, wahrscheinlich auch durch einen wohlwollenden Rodriguez, welcher, nun wieder im Rosa Trikot, keine Sympathiepunkte vor italienischem Publikum verspielen wollte.

Nicht aus der Ruhe zu bringen: Matteo Rabottini

Für weitere Schlagzeilen sorgte Fränk Schleck, der bereits in der 11. Etappe in einem Sturz verwickelt wurde und daraufhin seine überall hervorgehobenen Ambitionen auf die Top 3 begraben konnte. Er gab dem Garmin-Fahrer Alex Rasmussen die Hauptschuld an seiner Misere; dieser hatte seinem Teamkollegen Christian Vande Velde angeblich vor dem Ziel einen „Handsling“, einen Katapult-Schubser mit der Hand, gegeben, wodurch Fränk zu Fall kam und sich die Schulter ausrenkte. Ramussen bezeichnete dies als „Lüge“. In dieser Etappe gab er nun nach 33 Kilometern das Rennen auf. Sein Teamboss, Johan Bruyneel, war sauer und äußerte sich darüber folgenschwer in der Presse: seine Verletzung sei nicht schwerwiegend genug, um die Giro aufzugeben. Es wird gemunkelt, dass Bruyneel sich ernsthaft überlegt, Fränk Schleck nicht zur Tour de France mitzunehmen und Andy ohne seinen Bruder antreten zu lassen. Es herrscht Unruhe im Team Radishack-Nissan…

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