Radsport in Deutschland im Jahr 2012

Wann hörten die Leute in Deutschland auf sich für Radsport zu interessieren? Wann erreichte der Radsport in Deutschland seinen Tiefpunkt? Da der moderne Radsport in Deutschland seine besten und schlimmsten Zeiten mit Jan Ullrich erlebte, ist diese Frage eng mit seiner Person verknüpft.

Der Kaiser und der deutsche Radsport-Boom

Ulle mit typischem Radfahrer Ellenbogen, im Hintergrund Andi Klöden mit Kahnbeinbruch im rechten Handgelenk – Foto: ReneS (Flickr) CC-BY

Ulle war jahrelang Posterboy der deutschen Radsportszene, nach seinem Toursieg im Jahr 1997 herrschte in Deutschland ein Boom, vergleichbar mit dem Wimbledon-Sieg von Boris Becker, welcher viele Leute plötzlich dazu bewog einem Tennisverein beizutreten.

Neun Jahre später, im Jahr 2006, sollte Jan Ullrichs Comeback folgen, Lance Armstrong ging (das erste Mal) in Rente und Ulle war in Topform. Doch nachdem seine Verstrickungen in den Fuentes-Skandal öffentlich wurden, bekam er noch vor Beginn der Tour von der UCI ein Startverbot. Ein bei einer Razzia in der Klinik des ursprünglichen Gynäkologen Fuentes gefundener Blutbeutel konnte ihm später nach DNA Analysen eindeutig zugeordnet werden. Nach BKA Ermittlungen hatte Jan Ullrich den „Dopingsarzt“ Eufamio Fuentes in den Jahren 2003 bis 2006 insgesamt 24 Mal besucht. Das Zivilverfahren, welches das Team T-Mobile gegen ihn führte wurde zwar eingestellt, der internationale Sportsgerichtshof CAS ermittelte jedoch weiter.

„Der Kaiser“ gab im Jahr 2007 sein Karriereende bekannt, nachdem er ein halbes Jahr zuvor endgültig bei T-Mobile gekündigt wurde. Viele Fans fühlten sich betrogen und wendeten sich ab, gerade in Deutschland war das Medienecho verheerend. Ulle hatte, im Gegensatz zu seinen früheren Teamkollegen, zu den Anschuldigungen nicht viel zu sagen, ausser die viel zitierte und verschieden interpretierte Mantra: „Ich habe niemanden betrogen“. Als im Februar 2012 endlich das CAS Urteil gesprochen wurde, enttäuschte seine darauf folgende Erklärung: „Ich bestätige, dass ich Kontakt zu Fuentes hatte. Ich weiß, dass das ein großer Fehler war, den ich sehr bereue.“ Dass er mit seinem abschließenden Statement einen Schlussstrich unter dieses Thema ziehen will ist verständlich, jedoch ist auch dieser wieder eine verpasste Chance in einer Karriere voller guter Gelegenheiten.

Jens Voigt, Fabian Wegmann und Tony Martin in Morzine bei der Tour de France 2010 – Foto: nblakely (Flickr)

Dieses Jahr gibt die ARD endgültig seine Live Übertragungen von der Tour de France auf, sicherlich als ehemaliger Sponsor von Team Telekom/T-Mobile ein absehbarer, aber nicht sehr vernünftiger Schritt. Bereits im Jahr 2009 wurde die Tour nicht übertragen, vor allem wegen der Enthüllungen um Alberto Contador. Was ein Rückzug der Medien für Auswirkungen auf den gesamten Radsport in Deutschland hat, zeigt das Beispiel Deutschland Tour: die bis dahin einzige mehrtägige ProTour Rundfahrt in Deutschland, fiel der nicht nachvollziehbaren Einschätzung der ARD zum Opfer, Radsport in Deutschland sei für die Mehrheit der Gebührenzahler nicht mehr von Interesse. Sie wurde 2008 das letzte Mal ausgetragen, die Werbeeinnahmen blieben durch die Entscheidung der ARD aus. Heute steht nur noch ein Eintagesrennen, die Hamburger Cyclassics im UCI ProTour Kalender.

Das Radsport-Revival in England

In England erleben wir gerade einen fast schon „künstlichen“ Radsport Boom. England hatte im internationalen Radsport, abgesehen von einzelnen Fahrern wie Robert Millar und Tom Simpson keine nennenswerte Rolle gespielt. Im Jahr 2010 erlangte Team Sky als erstes englisches Radsportteam ProTeam Status. Seit bekannt wurde, dass die Olympischen Spiele für das Jahr 2012 in London stattfinden, pumpt die British Cycling Federation, zusammen mit dem Sender Sky, Unmengen an Geld in den Straßenradsport und baut seine Vormachtstellung auf der Bahn weiter aus. Viele Bahnradfahrer wechselten auf die Straße, wie z.B. Geraint Thomas und Luke Rowe. Der Höhepunkt kam im Jahr 2011, als Mark Cavendish als erst zweiter Brite neben Tom Simspon Straßenradweltmeister wurde und letztendlich bekannt gab, endlich zu Team Sky zu wechseln. Die Briten sind total aus dem Häuschen, ein Boom wie damals bei Ulle bahnt sich an, mit einer full-time Berichterstattung durch den Sender Sky, über die wir in Deutschland nur neidisch sein können. British Cycling formuliert seine Ziele für 2012 folgendermaßen: ein Brite als Olympiasieger auf der Bahn und auf der Straße, Mark Cavendish im grünen und Bradley Wiggins im gelben Trikot bei der Tour de France.

Und jetzt?

Seit dem Ende von Team Milram im Jahr 2010, welches keinen neuen Hauptsponsor fand und somit das Schicksal vieler internationaler Teams teilt, gibt es kein deutsches ProTeam mehr. Hohe Ambitionen hat jedoch das Team NetApp aus Oberbayern. Im Jahr bekam das Team mit dem Sponsor aus Kalifornien für 2011 eine ProContinental Lizenz von der UCI, somit sind sie ein Jahr nach ihrer Gründung in die zweite Radsportliga aufgestiegen. NetApp bekam eine Wildcard für die Giro di’Italia und erhofft sich bald eine ProTour Lizenz, um bei der Tour de France starten zu können.

 

Weiterführende Links:

Tagesspiegel Artikel von 2007 – Jan Ullrich gibt sein Karriereende bekannt

Mark Cavendish will alles gewinnen

Sueddeutsche.de  – Artikel über das Ende von Team Milram

Team NetApp und seine Ziele für 2012

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