Profi Portrait: Eddy Merckx

Als Patron wird derjenige ausgezeichnet, welcher sich über Jahre hinweg den Respekt der anderen Fahrer erarbeitet hat. Meistens kann der Patron auf einige Siege zurückblicken und wird jedes Jahr wieder als Favorit in einigen Rennen gehandelt. Die Sprinterlegende Mario Cipollini klärte vor einem Rennen, mit dem Roadbook in der Hand, den Rest darüber auf, wann und wo attackiert werden darf. Lance Armstrong und Fabian Cancellara haben so viel Einfluss, dass sie ein Rennen nach einem Sturz oder einer Sturzserie neutralisieren können, das Feld fährt daraufhin geschlossen ins Ziel.

Ein Patron ist auch dafür bekannt, auch mal Siege an jüngere Fahrer abzugeben und Chancen ziehen zu lassen, um sich die Beliebtheit im Publikum und im Fahrerfeld zu sichern. Für Eddy Merckx kam dies allerdings nie in Frage, er nahm jeden Sieg mit, was seine Palmares auf eine beeindruckende Länge anwachsen ließ. 445 Mal fuhr er in 12 Profijahren als Erster über die Ziellinie, ein Äquivalent zu einem Sieg pro Woche – 6 Jahre lang. Eddy Merckx dominierte in den Jahren 1966 bis 1975 die Radsportwelt; die Tatsache, dass er zu Stolz war, selbst die kleinsten Siege zu verschenken, brachte ihm den Spitznamen „Der Kannibale“ ein.

Eddy Merckx hängt Raymond Polidor ab, mal wieder – Scan: Chris Protopapas (Flickr)

Die Legende

Knapp einen Monat nach dem Ende des zweiten Weltkrieges, am 17. Juni 1945, wurde der wohl größte Radrennfahrer der Geschichte des Sports in Meensel-Kiezegem, Belgisch-Flandern geboren. Edouard Louis Joseph Merckx war Sohn eines Lebensmittelhändlers und wuchs in der Nähe von Brüssel auf. Er kam aus gutem Hause aber er hasste die Schule zutiefst. Um seinem Vater zu beweisen, dass doch etwas aus ihm werden kann, gewann er erste Rennen in der belgischen Amateurliga. Im Alter von 19 Jahren wurde er 1964 Weltmeister der Amateure, ein Jahr später unterschrieb er seinen ersten Profivertrag, nun war er endlich Berufsradfahrer.

Eddy ca. 1970 – Scan von Douglas Siple (Flickr)

Der große Durchbruch gelang ihm jedoch erst im Jahr 1966, als er zu Peugeot, dem damals erfolgreichsten Team der Radsportwelt wechselte und mit 20 Jahren das bedeutende Eintagesrennen Milan – San Remo gewann. So auch im Jahr 1967, wo er neben dem Fleche Wallone auch zwei Etappensiege bei der Giro d’Italia mit nach Hause nahm. Zum Ende der Saison wurde er mit nur 21 Jahren zum ersten Mal Weltmeister im Straßenrennen.

Eddy Merckx gehört zu den vier Fahrern, welche die Tour de France insgesamt fünf mal gewannen. Miguel Indurain, Bernard Hinault und Jaques Anquetil kamen jedoch nie an seine beeindruckenden Allrounder-Qualitäten heran, seine 34 Etappensiege bei der Tour de France sind doppelt so viele wie Miguel Indurain einfuhr, selbst der 7-fache Toursieger Lance Armstrong überholte er um 12 Etappensiege. Den Titel als größten Radsportler aller Zeiten hat er sich hart erarbeitet, offensichtlich zu Recht: nicht nur gemessen an seinen Siegen, auch weil er im Gegensatz zu den Anderen jedes Rennen mitnahm und die meisten davon gewann. Seine 11 Grand Tour Siege (Giro, Vuelta und TdF) sind bis heute unerreicht, auch weil kaum Fahrer, vor allem nicht die Siegesanwärter, an allen drei Rundfahrten teilnehmen. Eddy schien seinen Leistungsmaximum, das, worauf alle Fahrer pünktlich zu den Grand Tours hinarbeiten, auf das gesamte Jahr zu verteilen.

Für viele Fans steht jedoch fest: nur der Italiener Fausto Coppi, welcher im Jahr 1960 viel zu früh an Malaria starb, hätte ihm wahrscheinlich das Wasser reichen können, wäre der zweite  Weltkrieg nicht gewesen, als die meisten Randrennen eine Zwangsunterbrechung einlegen mussten. Coppi fuhr auf schlechteren Straßen und noch ohne Gangschaltung.

Der Kannibale

Eddy war wegen seiner Dominanz verhasst und geliebt. Es war damals nicht unüblich, dass bei Bergetappen manche Leute am Wegesrand seine direkten Konkurrenten anschoben und ihn teilweise am Weiterfahren hinderten. Vor Allem im Ausland; Nationalstolz spielte dabei oft eine große Rolle. Die Franzosen waren, obwohl er fast nur Französisch anstatt Niederländisch, wie in Flandern üblich, sprach (was ihn wiederum bei den Flamen unbeliebt machte), aufgebracht, da er die Hoffnungen auf einen neuen Nationalheld bei „ihrer“ Tour jedes Jahr aufs Neue zerschmetterte. Ausserdem fürchteten die Franzosen, dass Eddy Merckx den Rekord von Jaques Anquetil überflügelt und zum sechsten Mal die Tour gewinnt. Es kam sogar so weit, dass ein verwirrter Zuschauer ihm bei der Tour de France 1975 mit voller Kraft in die Magengegend schlug und ihn an der Leber verletzte. Später brach er sich bei der selben Tour auch noch bei einem Sturz den Wangenknochen, woraufhin er nur noch flüssiges zu sich nehmen konnte. Aufgeben, wie es ihm sein Arzt riet, war jedoch keine Option; er war zu Stolz um in den Besenwagen zu steigen oder am nächsten Tag nicht anzutreten, außerdem waren seine Teamkollegen auf sein Preisgeld angewiesen. Eddy Merckx hätte sicher nicht so viele Rennen gewonnen, hätte er nicht so eine außerordentliche Leidensfähigkeit. Dies war nach seiner Aussage sein Rezept zum Erfolg; es gehört für ihn mehr dazu als nur eine starke Physis. Er fuhr die Tour 1975 bis nach Paris und beendete sie als Zweiter auf dem Podium, in den Bergen überholt von dem Franzosen Bernard Thévenet, welcher er in den Vorjahren noch mehrere Male besiegte.

Seine erfolgreichen Jahre bei dem Team Molteni, wo er unter Anderem an der Seite von Rudi Altig fuhr, endeten im Jahr 1976 mit seinem Wechsel zu Fiat. Dort konnte er aufgrund von Verletzungen nicht an seine alten Erfolge anknüpfen. So wie seine Karriere begann, endete sie auch: das letzte große Rennen, bei welchem er als Sieger hervorging, war Milan-San Remo. Im Frühling 1978 beendete Eddy Merckx seine Radfahrerkarriere im Alter von 32 Jahren.

Ein Leben als Legende

In frühen Videos sieht man ihn mit Inbusschlüssel in der Hand, wie er in der Fahrt beim Training seinen Sattel justiert. Ständig schraubte er an seiner Sitzhöhe, der richtigen Übersetzung, dem perfekten Abstand zum Lenker. Vor den Rennen prüfte er die Maße am Rad mit dem Maßband nach. Von Herzen ein Mechaniker war es nur logische Konsequenz, dass er nach seiner aktiven Karriere eine Radfirma gründete. In der Saison 2010 und 2011 fuhren Omega-Pharma Quick-Step auf Eddy Meckx Bicycles, Tom Boonen machte mit blutverschmiertem Gesicht und dem Slogan „Wir sind alle Kannibalen“ Werbung für die Räder. 2008 verkaufte er die Firma und ist nun auf der ganzen Welt als Botschafter für den Sport unterwegs. Ob in Katar oder Australien, man sieht Eddy in den Teamwägen als Ehrengast oder bei den Preisverleihungen neben den Podium, wo er den von seiner bloßen Anwesenheit eingeschüchterten Siegern den Pokal überreicht.

Sein Sohn Axel war in den Jahren 1993 bis 2007 selbst Radprofi und im Jahr 2000 belgischer Meister. Er lebt in Kanada, wo ihn sein Vater oft besucht, auch weil er in Belgien kaum über die Straße gehen kann, ohne angesprochen zu werden. Auch bei Ausfahrten mit dem Fahrrad hupen die Leute in den Autos. Es ist sicher kein ruhiges Leben als Legende.

Foto von Chris Crisman

Weiterführende Links:

Sehr bekannte und interessante Doku über Eddy Merckx aus dem Jahr 1974 – „La Course En Tete

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