Portrait: Riccardo Riccò oder: wenn der Hämatokritwert den IQ übersteigt

Riccardo Riccò’s Umgang mit Doping ist so doof, dass es fast schon wieder lustig ist. Wäre da nicht die Spur der Verwüstung, welche seine Dummheiten über 4 Jahre in seinem und in dem Leben anderer hinterliess.

„Man braucht keine Freunde, um Rennen zu gewinnen“

Schon als 15-Jähriger, so berichten italienische Fahrer, prahlte Riccò, Spitzname: „Die Cobra“ mit seinem Dopingmethoden und damit, wie er sie allen zeigen könnte und dass sie absolut nicht nachweisbar sind. Auch deshalb bekam er spätestens dann Probleme, als er sich im Jahr 2005 um eine Lizenz als Profi bewerben wollte: er fiel bei mehreren Dopingproben mit einem zu hohen Hämatokritwert auf (über 50 gilt als EPO-verdächtig); sein Blut war viel zu dick. Die UCI bestätigte ihm jedoch nach mehreren Untersuchungen und einem negativen Test auf EPO tatsächlich einen „natürlich hohen“ Anteil weißer Blutkörperchen.

Im Jahr 2006 wurde Riccardo Riccò letztendlich Profi bei Saunier Duval. Seinem Teamkollegen David Millar blieb der junge Riccò früh im Gedächtnis; er beschreibt in seiner Biografie, wie sicher Riccò mit Spritzen umging und sich selbst im Tourbus „nur Vitamine, halb so wild“ verabreichte. Seine Performance bei der Giro d’Italia 2008 war laut dem Journalisten Daniel Friebe „eine Beleidigung für die Schwerkraft und den gesunden Menschenverstand“. Riccò wurde zweiter hinter Alberto Contador und liess sich mit dem Satz zitieren: „mit einem besseren Team hätte ich gewonnen“. Seine Arroganz und seine dreisten, unüberlegten Aussagen machten ihn früh bei anderen Fahrern unbeliebt, seinen Sponsoren jedoch gefiel die Aufmerksamkeit die er damit auf sich zog, auch weil er nebenbei weiterhin Rennen gewann. 

Es dauerte jedoch nicht lange, bis sich die Gerüchte herumsprachen. Riccardo Riccò stand bei der Tour de France 2008 unter besonderer Beobachtung und musste in 11 Etappen 11 Urinproben abgeben, unter Anderem weil er versucht hatte, sich einem Test zu entziehen, aber im Stau abgefangen wurde. Genau dieser Test, entnommen nach der vierten Etappe, wurde positiv auf CERA getestet, ein sog. EPO der dritten Generation und erst seit kurzem nachweisbar. Zu dem Zeitpunkt trug er das Punktejersey und hatte bereits zwei Etappen der Tour de France gewonnen. Das Team Saunier Duval stieg sofort aus dem Rennen aus; der Sponsor kündigte den Vertrag. Nach der Tour gestand Riccò die Einnahme von CERA. Besorgt hatte ihm das Mittel der bekannte und berüchtigte Arzt Carlo Santuccione, welcher bereits den positiv aufgefallenen Italiener, Danilo Di Luca, betreute. Auf die Frage, ob er die pauschal veranschlagten 700€ denn auch bezahlt hätte, sagte er:

»Ich habe ihn natürlich nicht bezahlt. Santuccione hatte mir versichert, dass es nicht nachweisbar ist. Also habe ich ihm das Geld nicht gegeben.«

Riccardo Riccò wurde für 20 Monate gesperrt. Seine Freundin Vania Rossi, selbst Cyclocross-Fahrerin, wurde im Januar 2010 selbst positiv auf CERA getestet. Riccò reagierte: „Ich mochte nicht, dass sie Rennen fährt. Dieser Sport ist nichts für Frauen, er verursacht zu große Schmerzen.“. Sieben Monate nach der Geburt seines Sohnes und nur einen Monat nach ihrem Dopinggeständnis, trennte sich Riccò von ihr.

»Ich habe ihn seitdem nicht mehr gesehen, ausser kurz bei einem Anwaltstermin, wo er nicht mal mit mir geredet hat. Wir hätten uns nur gegenseitig unterstützen sollen, stattdessen erniedrigt er mich in aller Öffentlichkeit.« – Vania Rossi

Im März lief seine Dopingsperre ab und Riccò unterschieb daraufhin einen Vertrag für das Zweitliga-Team Ceramica Flaminia, wo er sein Comeback plante. Mark Cavendish nannte ihn währenddessen in der Presse einen „Parasiten“, weil er keine Reue für sein Vergehen zeigte. Er fuhr die Saison über wieder mehr oder weniger erfolgreich Rennen, jedoch bekam sein Team keine Wildcard für die Giro, was ihn sehr ärgerte. Schlagzeilen machte er nur bei der Österreich-Rundfahrt, wo er beim Zeitfahren in ein parkendes Motorrad fuhr und mit gebrochener Nase und  blutigen Knien die Etappe mit vollkommen besudelten Trikot und Fahrrad trotz allem beendete.

Eine zweite Chance

Im August 2010 wechselte Riccardo Riccò zum niederländischen Team Vacansoleil, welche ihm eine größere Chance bot, bei einer großen Rundfahrt mitzufahren. Bei der Bekanntgabe seines Wechsels sagte Teammanager Daan Luijkx: „Wir müssen Riccò als einen Fahrer sehen, welcher seine Schuld gesühnt hat und in die Zukunft blicken.“

Blicken wir also ein halbes Jahr in die Zukunft:

Am 6. Februar 2011 wurde Riccardo Riccò mit 40°C Fieber und schweren Schmerzen ins Krankenhaus eingeliefert. Noch auf dem Untersuchungstisch gestand er, sich selbst Eigenbluttransfusionen gegeben zu haben, aus Blutbeuteln, welche bereits seit 25 Tagen in seinem Kühlschrank lagen. Nach einer kurzen Trainingsausfahrt machte sein Immunsystem dicht: akutes Nierenversagen war die Diagnose. Zwei Tage später gelangte der Zwischenfall an die Presse; die gesamte Radsportwelt fasste sich an  den Kopf. In den Medien war Riccardo Riccò nun das Beispiel für all das, was in diesem Sport weiterhin schief läuft und bestätigte die Meinung vieler, ehemaligen Dopingsündern grundsätzlich keinen Platz mehr im Peloton zu geben. Noch einen Monat vor seinem Nierenversagen tönte er: „Die Cobra ist tot, man kann die Giro ohne Doping gewinnen„. Man hätte ihm fast glauben können.

Heute nun folgte das Urteil durch das italienische Anti-Doping Tribunal: 12 Jahre Sperre. Theoretisch kann Riccardo Riccò also mit 40 wieder Profi werden. Vor dem Urteil bemühte er sich noch um eine kroatische Lizenz, um mit einem Drittliga-Team wieder bei Rennen starten zu dürfen, was ihm jedoch nicht gelang. Mit 28 Jahren ist seine Karriere also so schnell wieder vorbei, wie sie begann.

Letztes Jahr machte er einen kurze Ausfahrt mit der italienischen Sprinterlegende Mario Cipollini.  Cipo riet ihm davon ab, seine Pläne, Rache an der italienischen Radsportliga zu nehmen und es wieder als Profi zu versuchen, zu begraben. Cipollini schenkte ihm eines seiner Räder und sprach: „Nimm das Rad, aber benutze es nicht um zu trainieren oder Rennen damit zu fahren. Such dir einen Job, für die Zukunft deines Sohnes. Nimm diese Worte als kämen sie von einem älteren Bruder“

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