Legendäre Teams & Trikotdesigns: La Vie Claire / Toshiba

Andy Hampsten mit seinen typischen Oakleys, Modell: Eyeshade

Wir beginnen unsere neue Kategorie mit dem, da sind sich viele einig, schönsten und einprägsamsten Trikot von allen: La Vie Claire (später Toshiba) und deren legendäres Leibchen im blau, rot, gelb und grauen Mondrian-esquen Kastendesign, ursprünglich designt von der Firma Bennetton. Von der Konkurrenz verschrien als ein Team, welches einzig zur Geldmaximierung und als Hobby eines reichen Mäzen gegründet wurde, stand das Team La Vie Claire vor Allem für den durch die Amerikaner ausgelösten Einzug des 80er Styles in den Radsport, offen ausgetragene interne Machtkämpfe und der damals teuersten „Ablösesumme“ im Radsport.

Bernard Tapie, der schillernde französische Geschäftsmann, Politiker, Schauspieler, Sänger, Moderator-extraordinaire und spätere Eigentümer von Adidas und Olympique Marseille, baute mit seiner Kette von Bio-Läden als Hauptsponsor das neue Team rund um Bernard Hinault, dem bis dahin 4-maligen Tour de France Sieger, von Grund auf und mit Unmengen von Geld, neu auf. Zusammen mit dem schweizer „Radsportprofessor“ Paul Köchli als sportlichen Leiter, brachte das Team zwischen 1984 und 1988 zwei Tour de France und einen Giro d’Italia Sieger hervor.

Das Team betrat die Radsportbühne wie ein haufen Guidos bei einem Bon Iver Konzert: kein Respekt, zu viel Geld, zu viel panaché, zu viel Streiterei, zu viele Amerikaner.

Begonnen hatte alles im Jahr 1984 durch Hinault’s Zerwürfnis mit seinem damaligen Team-Manager bei Renault, Cyrille Guimard. Die bis dahin sehr erfolgreiche Kombo zerbrach an dem großen Ego und der schlechten Form von Hinault. Sein Konkurrent Laurent Fignon wurde daraufhin zum Teamkapitän bei Renault ernannt und gewann in dem ersten Jahr von La Vie Claire direkt seine zweite Tour de France. Er siegte ganze 10 Minuten vor seinen ehemaligen Kapitän. Laurent Fignon wurde bei seinem Sieg von dem damals 24-jährigen Südkalifornier und vielversprechenden Talent Greg LeMond unterstützt. Team-Manager Bernard Tapie nutzte die Gelegenheit, La Vie Claire um einen Edelhelfer und einem eventuell zukünftigen Toursieger aufzustocken und bot LeMond für seinen 3-Jahres Vertrag die damalige Rekordsumme von einer Million Dollar an, die LeMond natürlich nicht, so wie im Jahr zuvor, ausschlagen konnte. Greg LeMond war nun im Jahr 1985 derjenige, welcher Hinault zum fünften Toursieg verhalf, auch indem er, wie Tapie befahl, auf seinen Kapitän wartete, obwohl dieser sich über drei Minuten hinter ihm den Berg hochschleppte. LeMond wurde in diesem Jahr dritter und Hinault versprach vor laufenden Kameras, sich bei der nächsten Tour zu revanchieren und LeMond als Helfer zu dienen.

Hinault vs. LeMond, das eigenartigste Duell der Tourgeschichte

Dieses Versprechen hielt er im Jahr 1986 bis zur 12. Etappe, als er aus unerklärlichen Gründen wiederholt seinen eigenen Teamkollegen attackierte. Er wollte sich gegen Ende seiner Karriere nicht die Blöße geben und sich von dem jungen Amerikaner abhängen lassen, ausserdem war er nach eigener Aussage in Bestform. La Vie Claire spaltete sich daraufhin in zwei Lager; die Helfer arbeiteten je nach Nationalität entweder für LeMond oder Hinault, zudem wurde Andy Hampsten, ein starker junger Fahrer in seinem ersten Profijahr, nebenbei von Bernard Tapie dazu angestachelt, an das gelbe Trikot zu gelangen; dies würde letztendlich auch „die Beiden vom Streiten abhalten“. Nun war man Zeuge, wie die selben Trikots, die von den Amerikanern Andy Hampsten und Steve Bauer, den Franzosen Bernard Hinault bei seinen Attacken wieder einholten, um seine Chancen auf einen Zeitgewinn zunichte zu machen. Dies war in der Radsportgeschichte bisher einzigartig. La Vie Claire hatte in diesem Jahr Luxusprobleme: zwei haushohe Favoriten im selben Team, auch weil der ewige Konkurrent Laurent Fignon wegen Gesundheitsproblemen bei der 12. Etappe aussteigen musste. Greg LeMond und Hinault fuhren auf der 18. Etappe nach Alpe d’Huez, nach zahlreichen Attacken vom Franzosen, letztendlich Hand in Hand in Richtung Ziel – LeMond gab seinen älteren Teamkollegen an der Ziellinie den Vortritt, in den Interviews danach ging das Gezeter jedoch weiter. Am Ende gewann Greg LeMond seine erste Tour de France, mit 3 Minuten Abstand zu Hinault auf dem zweiten Platz und Andy Hampsten als Vierter im weißen Trikot des besten Jungprofis. Für viele Zuschauer war diese Tour, auch wegen der nie zuvor gesehen, offenen Machtkämpfe im selben Team, die spannendste aller Zeiten.

Zum Ende der Saison 1986 ging Hinault, der bis heute letzte französische Toursieger, in den Ruhestand. Greg LeMond hatte die nächsten zwei Jahre unglaubliches Pech und Glück zugleich: im April 1987 wurde er bei einem Jagdunfall fast getötet; sein Schwager schoss ihm aus nächster Entfernung 40 Schrotkugeln in den Rücken, 37 davon verblieben bis zum Ende seiner Karriere in seinem Körper. 1988 wurde er, weil er noch immer keine Rennen fahren konnte, von dem mittlerweile in Toshiba-La Vie Claire umbenannten Team rausgeschmissen, sein eine Million Dollar Vetrag lief sowieso gerade aus. Sein großes Comeback erlebte er jedoch im Jahr 1989 mit dem Team ADR, als er seine erste Tour nach dem Unfall direkt gewann, obwohl er die Giro d’Italia zuvor nicht beenden konnte. Er hatte sich vorher die Top 20 als Ziel gesetzt und schlug Laurent Fignon im letzten Zeitfahren um 8 Sekunden, die knappste Entscheidung der Tourgeschichte.

Der junge Bjarne

Steve Bauer und Andy Hampsten verließen mit LeMond das Team. Toshiba-La Vie Claire wurde nun rund um Jean-Francois Bernard aufgebaut, welcher im Vorjahr Dritter bei der Tour wurde und als Ziehsohn von Bernard Tapie galt. Hinzu kamen Luc Leblanc und Bjarne Riis als Neuprofis. Bernard konnte, ausser ein paar Tage im Rosa Trikot der Giro d’Italia, jedoch nie die großen Erwartungen an ihn erfüllen. Ende 1987 verließ der große Gönner Bernard Tapie das Team, um sich dem Fußball zu widmen, ein Jahr später ging auch Paul Köchli.

Im Jahr 1990 wechselte das Trikot von Toshiba zu einem nicht weniger auffälligem Design, jedoch nur noch mit hintergründigen Anlehnungen an die alten Farben. Wirklich der Rede wert waren die Erfolge des Teams, obwohl es an großen Namen wie den Madiot-Brüdern Marc und Yvon, dem französischen Meister Philippe Louviot, sowie Laurent Jalabert, welcher ab dem Jahr 1992 beim Team Once zum Star wurde, nicht mangelte. Der letzte große Sieg war Paris-Nizza im Jahr 1991, das Tony Rominger für sich entschied, danach verlängerte Toshiba seinen Sponsorenvertrag nicht und das Team löste sich endgültig in alle Richtungen auf.

La Vie Claire stand für einen Umbruch im Radsport. Nicht nur das Design, auch zahlreiche technischen Neuerungen fanden zuerst in diesem Team Anwendung: die Firma Look, zuvor Spezialisten für Skiausrüstung, erfand die Klickpedalen, womit die Profis bereits ab 1984 fuhren (im Handel waren die Pedalen erst ab 1987 verfügbar). Davor waren Kombinationen von Schiebemechanismen und Körben üblich, aus denen die Fahrer nur per Hand herauskamen. Das Design des Firmenlogos lieh sich Look offensichtlich vom Mondiran-Design der Trikots. Ausserdem waren die Profis von La Vie Claire die Ersten, welche einen Herzfrequenzmesser einsetzten, um ihr Training zu optimieren. Die Trikots bestanden zudem bereits 1984 aus synthetischen Fasern, was das Ende des Wolljerseys einleitete.

Das Team um La Vie Claire/Toshiba war, mit ihren hohen Gehältern, ihrer flamboyanten Erscheinung und dem großkotzigen Auftreten ihrer Stars – LeMond bekannt als Hinterradlutscher und Hinault als schlechter Verlierer, auch das Hassobjekt im Peloton. Viele Radsportfans beobachteten zudem den Einzug der Amerikaner in das „europäischste“ aller Rennen, der Tour de France, eher argwöhnisch. Laurent Fignon, ein Verfechter der „alten Schule“, beschrieb das Team in seiner Biografie „Wir waren jung und unbekümmert“, noch vor der EPO-Ära, an deren Übermacht er selbst und auch Greg LeMond offenkundig zerbrachen, als „das Ende einer Ära des Radsports, dessen großartige Mischung aus Ernsthaftigkeit und Leichtsinn, die sein Markenzeichen gewesen war und viel seines Reizes ausgemacht hatte.“

Dabei lauerte, nur ein Jahr nach dem endgültigen Ende von Toshiba, ein Amerikaner in den Startlöchern, welcher den Franzosen bei „ihrer Tour“ sieben lange Jahre alle Hoffnungen auf den ersten heimischen Toursieger seit Bernard Hinault rauben wird: Lance Armstrong begann 1992 seine Radsportkarriere bei Motorola.

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