Ulle, warum du uns doch betrogen hast – Der Mythos von Chancengleichheit in einer Dopingkultur

„Ich habe nie jemanden betrogen“

Dieser, von vielen Radsportfans als zynisch aufgefasste Kommentar von Jan Ullrich aus dem Jahr 2008, ist einer seiner wenigen Aussagen auf die Frage, ob der erste und bisher einzige deutsche Tour de France Sieger gedopt hat oder nicht. Die vermeintlich einfache Logik dahinter: Weil im Grunde jeder seiner Kontrahenten gedopt hat, wollte Jan Ullrich diesem unfairen Vorteil seiner Gegner ausgleichen und hat selbst zu unerlaubten Mitteln gegriffen, sei es in Form von Blutdoping, welches er vor Kurzem in einem Interview mit dem Focus Magazin selbst zugab, oder die Einnahme von EPO, die sein ehemaliger Pfleger Jeff D’Hont ihm vorwirft.

Jan Ullrich bei der Tour de France 1996 - Foto: Numerius (Flickr) CC-BY-ND

Jan Ullrich bei der Tour de France 1996 – Foto: Numerius (Flickr) CC-BY-ND

Viele Jan Ullrich Fans, so liest man es unter fast jedem Kommentar unter seinen Beiträgen auf Facebook oder bei seiner Kolumne auf Eurosport.de, teilen diese Logik und verteidigen Jan Ullrich mit immer wiederkehrenden Floskeln:

„Damals haben alle gedopt“

„Jan wollte für Chancengleichheit sorgen“

„Dazu gehört auch jahrelanges Training und Talent“

„Im Fussball wird auch gedopt“

„Du warst gefangener des Systems“

„Die Medien/die Verbände/die Sponsoren/die Fans sind schuld“

Daneben natürlich auch die Kommentare unbelehrbarer Trolle, die sich von Ulle persönlich beleidigt fühlen und ihm das am liebsten zu jeder virtuellen Gelegenheit mitteilen möchten. Wann immer Ulle etwas sagt, provoziert er heftige Reaktionen.

Jan Ullrich macht es seinen Kritikern einfach, er wirkt jedes Mal unpassend unbedarft. Anders als Andreas Klöden, der den einfachen Weg gewählt hat und sich weigert mit (deutschen) Journalisten zu sprechen, sorgte Der Kaiser dafür, dass sein eher offensichtliche Geständnis zum Thema Blutdoping sogar einen Platz in der Tagesschau eingenommen hat – Jan Ullrich verbreitet die Wahrheit seit 16 Jahren entweder extrem zweideutig („Ich habe niemanden betrogen“) oder nur Häppchenweise, warum wundert er sich dann, dass die mediale Aufmerksamkeit bei solchen Banalitäten aus dem Ruder läuft? Ulle braucht entweder bessere Medienberater, oder ist sich von seinem Rückzugsort in der Schweiz aus seiner Rolle in dem Ganzen überhaupt nicht bewusst. Ist das Abstreiten der eigenen Schuld und das ständige Behaupten, man hätte nichts anderes getan (oder sogar noch weniger) als die anderen eine Art Flucht? Oder ist es einfach nur ein bisschen feige?

Aber Ulle ist so nett – ein Dilemma

Versteht mich nicht falsch, ich bin trotz allem Jan Ullrich Fan, ich respektiere seine Erfolge, die harte Arbeit, die er in seiner aktiven Karriere geleistet hat um auf diesem Niveau zu fahren, den Umstand dass er Radsport in Deutschland überhaupt erst bekannt gemacht hat und ich freue mich auch zu sehen, wie er sich im Jedermannsport engagiert und offensichtlich nach dem medialen Fiasko seinen Frieden geschlossen hat. Ich bin ausserdem der Meinung, dass „die Medien“, in Form von Journalisten, die mit dem Team Telekom/T-Mobile eng zusammenarbeiteten und viele Privilegien geniessen durften, zum Untergang des Profiradsports in Deutschland beigetragen haben, indem sie das Doping „ihrer Helden“, anstatt es subjektiv zu betrachten, sehr persönlich nahmen und dadurch, etwas polemisch formuliert, das Konzept der verbrannten Erde verfolgen – wenn ich kein Radsportfan mehr bin, soll es auch niemand anderes mehr sein. Mir liegt nichts daran das Bild des „Helden“ Jan Ullrich zu relativieren oder seine Erfolge klein zu reden, aber, obwohl mir viel daran liegt, bei der dunklen und teilweise mehr als unappetitliche Dopingvergangenheit das Wort „Vergangenheit“ zu betonen, ist es vor allem wichtig zu sehen, dass der Radsport derzeit der einzige Sport ist, der versucht sich trotz aller noch immer aktuellen Fragezeichen selbst aufzuräumen – und Jan arbeitet mit seinen Aussagen dagegen an.

Was wäre die optimale Lösung? Wie bekommt der Radsport in Deutschland seine Glaubwürdigkeit zurück? Dadurch, dass die komplette Wahrheit erzählt wird, nicht nur Stückweise, sondern im ganzen Umfang. Es wurde genug gelogen. In diesen schmutzigen Jahren war eine gewisse Unehrlichkeit nachvollziehbar, sie darf im Nachhinein aber nicht mehr toleriert werden. Wer involviert war und noch immer nichts oder nur bruchstückhaft aussagt, verfolgt wohl eher eitle Interessen gegenüber ehemaligen Teamkollegen/Freunden und krallt sich lieber an seine eigene Position (im Management, als Fahrer), als zur Aufklärung beizutragen und dabei mitzuhelfen, dass der Sportsgeist nie wieder so zertrampelt wird wie in der EPO/CERA und Fuentes Ära.

Gerade durch das riesige Ausmaß der damaligen Dopingkultur sind viele noch heute aktive Fahrer und Manager direkt involviert und obwohl sie eigentlich keinen Platz im Fahrerfeld verdienen, weil sie sich einen unerlaubten Vorteil verschafft haben (ob direkt oder indirekt durch bessere Trainingsmöglichkeiten und Erfolge mit gedopten Teammitgliedern), ermöglichen umfassende Geständnisse und Aussagen einen klaren Neuanfang – bei ernst gemeinter Reue, anstatt Aussagen wie „Ich habe niemanden betrogen“, verdient derjenige meiner Meinung nach immer noch eine zweite Chance. Wem etwas an diesem Sport liegt, müsste es eigentlich selbst erkennen. Absolut von der Regel ausgenommen sind für mich jedoch die Ärzte – wer als Teamarzt Dopingmittel verabreicht hat, sollte den Rest seiner Berufslaufbahn mit nichts anderem verbringen, als Katheter zu legen oder Bettpfannen zu reinigen.

Anders ist es heutzutage auch bei Fahrern, die sich nach den Skandalen noch immer nicht 100% auf den eigenen Körper verlassen können, wie Tony Martin passenderweise in einem Interview mit der FAZ sagte:

„Ich kann es nicht gutheißen, aber ich kann nachvollziehen, warum gewisse Sportler damals gedopt haben. Etwas anderes ist die Phase nach 2007. Wer immer noch nicht begriffen hat, dass man den Sport sauber betreiben muss, der gehört für mich sofort aussortiert, der gehört lebenslang gesperrt.“

Jan Ullrich sagte, dass er ab und zu in der Schweiz mit Tony Martin trainiert. Kein Zweifel, dass Ulle ein netter und sympathischer Kerl ist, der Andrang bei den Jedermannevents an denen er teilnimmt, bestätigt dies. Ich bin mir sicher, dass er die dem Profiradsport gegenüber feindselig und zwiegespaltene Öffentlichkeit zurückgewinnen könnte, wenn er versucht, den Schaden den er ohne Zweifel angerichtet hat, wieder zu reparieren. Eine umfassende Aussage würde denjenigen, die gedopt haben oder noch immer dopen, zudem das Signal geben, dass die Vergangenheit sie irgendwann, auf welchem Weg auch immer, einholt.

„Betrug fängt für mich dort an, wenn ich mir einen Vorteil verschaffe“

Was mich also bei jedem Interview, dass Der Jan führt, immer wieder auf die Palme bringt: die Behauptung, dass ja alle gedopt waren und dass daher die Chancengleichheit wiederhergestellt wurde. Der Mythos des Level Playing Field. Neben der Tatsache, dass man seine Rolle als sportliches Vorbild in eine komplette falsche und gefährliche Richtung schiebt, indem man die Einnahme von verbotenen Substanzen mit der Wiederherstellung fairer Sportlichkeit gleichstellt, ist diese Aussage aus rein biologischen/physiologischen Gesichtspunkten schlicht falsch. Ein paar Fakten:

  • Es gibt so etwas wie „gleich viel Doping“ nicht

Jeder Körper reagiert unterschiedlich auf unterschiedliche Mengen und Präparate. Leider ist es oft so, dass derjenige, der am meisten dopt, den größten Vorteil erhält. Bei manchen Fahrern kann die Einnahme von verbotenen Mitteln die Leistung steigern, manche bemerken keine Verbesserung. Um der EPO-Epedemie in den 90er Jahren Einhalt zu gebieten, wurde eine Anti-Dopingregel eingeführt, die besagte, dass der eigene Hämatokritwert (Verhältnis von roten, sauerstoffübertragenden Blutkörperchen zu weißen Blutkörperchen) nicht die Schwelle von 50% übersteigen darf. Manche Fahrer hatten einen natürlich hohen Hämatokritwert, andere nicht – letztere profitierten am meisten von EPO und wurden dabei nicht einmal erwischt; sie erhielten durch die Regel einen Freifahrtschein um ihre eigenen, unterlegenen körperlichen Voraussetzungen bis zum Rand des erlaubten gegenüber „saubereren“ Konkurrenten zu verbessern.

Doping hat tatsächlich aus Eseln Rennpferde gemacht, und dabei einige, ehemalige Champions verdrängt. Der 3-fache Toursieger Greg LeMond gab seine Karriere im Jahr 1994 auf, nachdem ihn die in den Vorjahren hoffnungslos schlechteren Fahrer am Berg mühelos abhingen und die Rennen grotesk schnell wurden. Der 2-fache Tourchampion Laurent Fignon beschrieb seinen früheren Domestiken Bjarne Riis in seiner Autobiografie als starken Fahrer, der jedoch nie die Voraussetzung dazu hatte, eine Tour zu gewinnen. Sechs Jahre nach seinem Start beim Team Castorama mit Laurent Fignon gewann Bjarne Riis die Tour de France. Als Riis‘ im Jahr 2007 gestand, während „seiner“ Tour gedopt zu haben, gab er ausserdem zu, dass sein Gelbes Trikot ihm nichts bedeutet.

  • Doping hat Fahrer getötet

Dass es frühe Todesfälle durch die Einnahme von Doping gab, ist kein Geheimnis. Tom Simpson starb am Mont Ventoux im Jahr 1967 wahrscheinlich indirekt durch die Einnahme von Amphetaminen, bereits in den späten 80er Jahren gab es Berichte von Fahrern, die durch die Einnahme vom Blutverdicker EPO an Herzstillstand starben, Hormone wie Testosteron können zu Krebs führen. Auch wurde bekannt, dass Fuentes mit Fahrern experimentierte (Stichwort: Hundeblut) und es zu unappetitlichen „Unfällen“ mit „schlechten“ Blutbeuteln kam. Wie ist die Chancengleichheit wieder hergestellt, wenn derjenige gewinnt, der seine Gesundheit am meisten aufs Spiel setzt? Auch den mentalen Schaden, den einige Fahrer durch den damit verbundenen moralischen Zerfall davontrugen, ist nicht zu verachten. Die Lügen, der ungesunde Lebensstil, der psychische Druck durch die Medien – Fahrer wie Franck Vandenbroucke und Marco Pantani konnten damit nicht umgehen und kamen am Ende darin um.

  • Nicht alle Teams/Fahrer hatten die selben Möglichkeiten zu dopen

Es gehörte auch einiges an finanziellem Einsatz dazu, von Fuentes die bestmögliche Behandlung zu erhalten. Für Fahrer wie Tyler Hamilton, Jan Ullrich, Alexandre Vinokurov und Ivan Basso hielt Fuentes, so Hamilton, eine spezielle Methode bereit – ein exklusiver Blutbeutel-Gefrierschrank namens „Sibirien“, der 50.000€ anstatt 25.000€ für eine reguläre Behandlung im Jahr kosten sollte. Das Team US Postal hatte, so Unterlagen aus der Verhandlung gegen das Team, Rennräder verkauft, um den Dopingkonsum zu finanzieren. Mehr finanzielle Mittel bedeutete auch besser Möglichkeiten, Doping zu vertuschen und, so wird gemunkelt, sich auf höherer Ebene Einfluss im Falle eines Positivtests zu erkaufen. Eine bessere Logistik, wie Armstrong’s berühmter privater „Motoman“, der ihn während der Tour mit Blutbeuteln versorgte, indem er sie auf einem Roller transportierte, ist auch seinem höheren Dopingbudget zu verdanken.

Nach dem Festina Skandal im Jahr 1998 hiess es in vielen Teams, dass die Fahrer sich selbst um ihre Präparate kümmern sollten, da die Teams nicht mehr das kollektive Risiko eingehen wollten gefasst zu werden. Wenn man als einfacher Helfer wenig verdiente, woher sollte man die finanziellen Mittel aufbringen, Doping zu bezahlen? Was uns zur nächsten Feststellung führt:

  • Es hat nicht jeder gedopt

Neben der Tatsache, dass sich nicht jeder Fahrer finanziell leisten konnte auf hohem Niveau zu dopen und nicht gefasst zu werden, gab es diejenigen, die sich auch aus moralischer Sicht schlicht weigerten, ihre Reputation und Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Viele geständige Doper beschreiben, wie sie vom Team vor eine Wahl gestellt wurden, mit der Andeutung, dass dies zum Profidasein dazugehört und dass der Profivertrag auf dem Spiel steht, wenn man sich weigert. Natürlich gaben einige Fahrer dem Druck nach, was zu einem gewissen Grad nachvollziehbar ist, weil es sich oft um junge Fahrer handelte, welche die Aussicht auf bessere Erfolge und ein zufriedeneres Teammanagement zum Einknicken brachte – aber es gab auch diejenigen, die vor dieser Wahl standen und freiwillig ihren Traum beerdigten und nach Hause fuhren. So zum Beispiel ex-Discovery Channel Profi Michael Creed oder die zahlreichen Fahrer wie Adam Myerson auf kleinerer Ebene, die ihren Aufstieg verpassten, weil sie von gedopten Konkurrenten überholt wurden – die daraufhin die Aufmerksamkeit von Profiteams auf sich zogen.

Auch auf kleinerer Basis war Doping bei manchen Amateurfahrern eine Option, nicht wenige unterschrieben dank Doping Profiverträge und die sauberen Fahrer blieben wortwörtlich auf der Strecke. Die Aussage, dass dazu „auch Training und Talent“ gehört mag in dem Sinne zwar stimmen, jedoch profitiert ein Fahrer der dopt von einem besseren Training und kann seine Form schneller aufbauen, sein „Talent“ wird schneller erkannt, wenn er sich durch unerlaubte Mittel von der Konkurrenz absetzt.

Oft wird auch ein Aspekt vernachlässigt, der in anderen Sportarten mehr als üblich ist, aber im Radsport besonders verfolgt und geahndet wird: die Verabreichung von Schmerzmitteln und Kortison ohne ärztliches Attest. Ein verletzter Athlet hat durch diese Mittel die Möglichkeit, sich schneller zu erholen, die Verletzung auszkurieren und schneller wieder einsatzfähig zu sein. Es ist eine gefährliche Abkürzung, die von manchen zu schnell in Erwägung gezogen und von vielen Ärzten viel zu schnell angewandt wird. Es gibt immer wieder Berichte von Fahrern, die schnell zu Hilfmitteln wie Koffein oder Schmerzmitteln greifen, bei denen ist die Hemmschwelle offensichtlich niedriger, zu anderen Mitteln zu greifen – während gerade junge Fahrer sich offen gegen eine Pillen-Kultur im Sport aussprechen. Radsport hat die Chance, zum saubersten Sport der Welt zu werden. Jedoch auch nur, wenn mit der Vergangenheit aufgeräumt wird.

Wir haben nicht „damit abgeschlossen“

Teams werden immer versuchen, einer vermeintlichen Chancengleichheit zu entkommen und sich hervorzutun, zum Beispiel durch besseres Equipment, den Kauf besserer Fahrer, eine bessere Ernährung – aber dies sind Kleinigkeiten im Vergleich zur Optimierung des Körpers durch die Einnahme verbotener Substanzen. Es gewinnt nicht immer das Team mit den meisten finanziellen Mitteln oder dem besten Equipment – anders als zu Beginn der Doping-Ära, wo ein großer Teil des sauberen Feldes einfach abgehängt wurde.

Es gab keine Chancengleichheit im Radsport innerhalb der Dopingkultur. Aber der Radsport hat das Problem erkannt und arbeitet dagegen. Trotzdem kann der Sport noch einiges an Unterstützung gebrauchen, was damit anfängt, endlich aufzuhören die Vergangenheit kleinreden oder verklären zu wollen. Und auch, weil man als Radsportler zu der Zeit eine enorme Verantwortung getragen hat, die man auch nachdem man das Vertrauen der Fans verloren hat, nicht einfach ablegen kann – den verbleibenden Fans und vor allem dem Nachwuchs gegenüber.

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