Grundwissen: Bahnradsport

Eigentlich klingt es ja gar nicht so komplex. Bahnräder haben keine Gangschaltung, sondern eine starre Nabe, damit fahren Sie in einem Velodrom im Kreis gegen andere Fahrer. Allerdings gibt es einige Disziplinen, Fahrertypen und Regeln, die ich versuchen werde in diesem Artikel zu erklären.

Das Bahnrad

Bahnräder haben mit Fixies erst einmal nichts gemein, ausser der starren Nabe. Bremsen kann man damit nicht, es sei denn man stürzt. Abkontern, d.h. mit den Beinen gegensteuern, sollte man vermeiden, da eine professionelle Holzbahn eh viel zu rutschig ist. Stattdessen wird auf der Bahn „hochgefahren“, in Richtung Bande. Durch die Schräge von bis zu 45° und den länger zurückzulegenden Weg wird man automatisch langsamer.

Ohne Gangschaltung gibt es natürlich nur die Optionen das Kettenblatt, den hinteren Ritzel und die Kurbellänge zu variieren. Dabei gilt das selbe wie auf der Straße: desto größer das Kettenblatt vorne und desto kleiner die Anzahl der Ritzel hinten, desto mehr tun die Knie weh. Mit welcher Übersetzung die Profis fahren, ist in der Regel ein gut gehütetes Geheimnis. Dies sagt allerdings auch wenig über die Leistungsfähigkeit eines Sportlers aus, da die einzelnen Komponenten genau auf den Fahrer oder die Fahrerin, sowie auf die jeweilige Disziplin abgestimmt wird. Die Kurbellänge ermisst sich aus der Körpergröße und der Beinlänge, genauso wie die Sattelhöhe und die Höhe und Länge des Vorbaus. Allgemein sind die Kurbeln aufgrund der höheren Trittfrequenz kürzer und das gesamte Tretlager liegt immer etwas höher an, als am Straßenrad, damit sich der Fahrer besser in die Kurve legen kann und nicht aneckt. Deshalb werden die Sportler auch zur Ziellinie geschoben oder steigen erst auf das Rad, wenn es sicher in der Startvorrichtung steht. Das Rad ist wendiger als eine Zeitfahrmaschine, damit der Fahrer eine direkte Reaktion auf die kleinsten Bewegungen bekommt und nicht viel Kraft verschwendet wird. Im Grunde ist ein Bahnrad dazu gebaut, die Kraft des Fahrers direkt in Energie umzuwandeln, ohne das viel an den Seiten verloren geht; deshalb auch die kompakte und reduzierte Bauweise.

Klickpedalen sieht man nur bei manchen Disziplinen. „Steher“ wie Chris Hoy schaffen es, 2280 Watt in die Pedale zu drücken und ziehen (zum Vergleich: Andre Greipel fuhr bei seinem Etappensieg bei der Tour de France mit ca. 1800 Watt vor Mark Cavendish im Sprint ins Ziel). Klickpedalen würden dabei sofort aufgeben, weshalb die meisten Riemen benutzen, mit denen die Schuhe an die Pedale festgezurrt werden. Verständlicherweise fahren Gorillas wie Robert Förstemann und Chris Hoy mit verstärkten Lenkern, die den Antritt und das damit verbundene Ziehen am Lenker aushalten.

Fliehkraft / Die Bedeutung der bunten Linien

Die Fliehkraft ist auf der Bahn der entscheidendste Faktor. In der Kurve wird der Fahrer aufgrund dessen automatisch abgebremst, die Fliehkraft erhöht die Gewichtskraft des Fahrers um 40%, deshalb sind leichtere Fahrer (auch bei Abfahrten auf der Straße) im Vorteil. Durch die Überhöhung der Bahn wird versucht, diesen Nachteil auszugleichen, allerdings kann derjenige, der oben fährt, die Lageenergie besser ausnutzen. Durch die Schräglage der Bahn kann sich der Fahrer voll auf seine Beine konzentrieren, das Rad fährt fast automatisch geradeaus.

Die schwarze Linie markiert die Länge der Bahn, welche nach UCI Standards bei Weltmeisterschaften und den olympischen Spielen 250m betragen muss. Die Ideallinie auf der Bahn liegt zwischen der schwarzen und der roten Linie. Anhand dessen orientieren sich die Fahrer, da diese die schnellste und energiesparendsten Strecke darstellt. Die rote Linie ist die Sprinterlinie. In der Sprintdisziplin dürfen die zwei gegeneinander antretenden Fahrer diese Linie aus Sicherheitsgründen nicht überqueren, um den Anderen im Sprint nicht zu behindern. Wer links davon fährt, darf links nicht überholt werden – und darf die Linie nicht überqueren, wenn rechts jemand auf mehr als eine Radlänge herankommt. Wer rechts von der Linie fährt, darf nicht einscheren, es sei denn der Andere ist weiter als eine Radlänge entfernt. Die blaue Linie wird auch Steherlinie genannt, sie erfüllt im Steherrennen den selben Zweck wie die rote Linie. Im Madison (siehe Erklärung weiter unten) markiert sie ausserdem die Grenze zwischen den ruhenden und aktiven Fahrern, die Ruhenden befinden sich oberhalb der Linie.

Foto: Flowizm (Flickr) CC-BY

Die verschiedenen Disziplinen

Leider wurden viele Disziplinen erst vor kurzem nicht mehr zu den Olympischen Spielen zugelassen. Die derzeit aktuellen olympischen Disziplinen sind gold. markiert.

  • Sprint 

Der Sprint ist die älteste Disziplin auf der Bahn. Hier geht es nicht um Zeit, sondern darum, wer im Finallauf als Erster die Ziellinie überquert. Dabei fahren entweder 2 oder 3 Sprinter in Runden zwischen 750 und 1000 Metern. Bekanntestes Merkmal eines Sprintrennens ist das Belauern – ein Fahrer muss die erste halbe Runde vorne fahren, woraufhin versucht wird, den Anderen zum Sprinten zu bewegen. Dabei stehen die Fahrer oft mitten auf der Bahn, dürfen den Fuß aber nicht aufsetzen. Maximal 30 Sekunden dürfen sie so verweilen. Wer beim Belauern die schwächeren Nerven hat oder seine Kraft sehr hoch einschätzt, sprintet als Erster los. Derjenige hat jedoch einen großen Nachteil: der Nachfolgende hängt sich in seinen Windschatten und spart Energie für den finalen Sprint zur Ziellinie.Ein bekanntes Beispiel ist die Sprintvorentscheidung von 1990, in dem der Ostdeutsche Michael Hübner gegen den Italiener Claudio Golinelli antrat:

  • Einerverfolgung

Wie der Name schon fast verrät, ist das Ziel der Einerverfolgung den Anderen, auf der Gegengeraden gestarteten Fahrer, einzuholen. Im Grunde entscheidet dabei aber jedes Mal, nach 4000 m (Männer) und 3000 m (Frauen), die gefahrene Zeit. In mehreren K.O. Runden scheiden nach und nach Fahrer aus.

  • Mannschaftsverfolgung

Verfolgt wird das selbe Prinzip wie bei der Einerverfolgung, allerdings starten die Gegner in vierer Gruppen (Frauen: dreier Gruppen). Dabei gewinnt die Mannschaft, die perfekt aufeinander abgestimmt ist,  da nur die harmonischste Zusammenarbeit und Technik ein schnelles Team ergibt. In der Regel startet der stärkste Fahrer und „zieht“ die Gruppe auf eine ideale Zeit, schert dann nach rechts aus und hängt sich hinten dran. Die Aufgabe derjenigen Fahrer, welche dahinter kommen, besteht darin, die Geschwindigkeit konstant zu halten oder sogar zu erhöhen. Die Zeit wird beim dritten Fahrer gestoppt.

Der Abstand vom Hinterrad zum Vorderrad des Nachfolgenden beträgt dabei nur ungefähr knappe 15cm, was bei einem Sturz sehr gefährlich werden kann, auch das Ausscheren und wieder hin dranhängen ist mit Risiko verbunden, wird aber durch die Schräglage der Bahn erleichtert.

  • Zeitfahren / Kilo

Ein Fahrer gibt über 1000 m (1km, deshalb „Kilo“) Vollgas. Der Schnellste gewinnt.

  • Keirin

In dieser Disziplin gibt es einen motorisierten Anfahrer, welcher die Bahn nach 1400m bei ca. 50 km/h verlässt und somit das Rennen für die acht Sportler freigibt. Körperkontakt ist erlaubt. Keirin stammt aus Japan, jedoch fahren nur die wenigsten Japaner bei europäischen Wettkämpfen mit und gewinnen selten bei den Weltmeisterschaften oder der Olympiade. Dies liegt daran, dass die japanische Wettkampfsaison zeitlich sehr von der europäischen abweicht und man in Japan mehr Geld mit Wetten und Rennen verdienen kann.

Der damals unschlagbare Theo Bos bei den Weltmeisterschaften 2006:

  • Punktefahren

Beim Punktefahren werden nach einer vorher festgelegten Rundenanzahl in mehreren Durchläufen Punkte für Platzierungen vergeben, z.B. 5, 3, 2, 1 Punkte für die ersten 4 Plätze. Eine Überrundung bringt demjenigen 20 Punkte ein und kostet dem von der Gruppe Überrundeten 20 Punkte, weshalb die Punktezahl auch negativ ausfallen kann.

  • Teamsprint

Zwei dreier Mannschaften (zweier Frauenmannschaften) starten auf der jeweils gegenüberliegenden Bahnlängsseite. Dabei haben die beiden ersten Fahrer der Mannschaft die Funktion, den jeweils dritten „anzufahren“. Sie scheren nach genau einer Runde nach oben hin aus und machen den Weg für den Nächsten frei. Dementsprechend wird beim dritten Fahrer in der dritten Runde die Zeit genommen.

  • Zweier-Mannschaftsfahren / Madison

Das Madison hat seinen Ursprung von den frühen Sechs-Tage-Rennen im New Yorker Madison Square Garden und ist bis heute in Amerika, auch bei Straßenrennen, sehr beliebt. Die zwei Fahrer bleiben beim Madison immer auf der Bahn, jedoch wartet der Eine im neutralen Bereich oberhalb der blauen Linie. Über eine Distanz von 60 Kilometern kann sich beliebig oft abgewechselt werden, in der Regel geschieht dies nach zwei Runden. Die angewandte Technik des Ablösens, der Schleudergriff, wurde von Rollschuhläufern abgeguckt; die Fahrer geben sich in der Fahrt die Hand, der abzulösende Fahrer zieht damit den Anderen in voller Fahrt ins Feld und gibt ihm somit einen Schub.
Mark Cavendish ersetzte im Jahr 2005 den verletzten Geraint Thomas (damals beide noch ausschließlich Bahnradfahrer) bei den Weltmeisterschaften und gewann mit Rob Hayles den Weltmeistertitel:

  • Ausscheidungsrennen

Nach jeder Runde fliegt der jeweils Letzte raus. Die letzten verbleibenden 3-5 Fahrer sprinten in zwei Schlussrunden um den Sieg.

  • Scratch

Es starten alle Fahrer „from scratch“, von Anfang an, unter gleichen Bedingungen. Es gewinnt derjenige, welcher das Rennen nach einer bestimmten Rundenanzahl als Erster beendet.

  • Omnium

Das Omnium wurde erst ab dem Jahr 2012 als olympische Disziplin aufgenommen und umfasst sechs unterschiedliche Rennen, vergleichbar mit einem Sechskampf. Es umfasst: ein Sprintrennen über 250 m mit fliegendem Start, ein Punktefahren, ein Ausscheidungsfahren, ein Einervefolgungsrennen, ein Scratchrennen und ein Zeitfahren. Die Punktevergabe ist dabei einfach: die Platzierungen bei den jeweiligen Rennen werden gezählt (5. Platz = 5 Punkte), derjenige mit der niedrigsten Punktzahl gewinnt.

 

Es wird noch immer heiß diskutiert, welche Disziplinen in den nächsten Olympischen Spielen wieder aufgenommen werden. Es wäre schön, wenn spannende Disziplinen wie der Madison wieder relevanter werden!

4 Kommentare

  1. […] die sich mit der Thematik besser befasst haben. Allen vorran vermitteln die Goldenen-Speichen das Grundwissen Bahnradsport. Velo / Antistyles verweist auf viele Videos, die den Sport in bewegten Bildern näher bringen. […]

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  2. […] bis nichts anfangen kann, dem sei – auch als Vorbereitung auf die Olympischen Spiele – die Einführung in den Bahnradsport bei Goldene Speichen empfohlen. ← The Daily Double-Dose of Armstrong: Podium Shuffle Basics Bahnradfahren […]

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  3. Hallo,
    vielen Dank für Deine großartige Seite. Du hast jedoch einen logischen Fehler in Deiner Erläuterung. Man wird nicht durch die Fliehkraft langsamer. Die Fliehkraft treibt Dich höchstens den Bahnhang hinauf, abgebremst wirst Du hier durch die Hangabtriebskraft oder Gravitation, die Deiner Bergauffahrt entgegenwirkt.
    freundliche Grüße

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