Die gute alte „Doping im Radsport“-Diskussion

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Danilo Di Luca & Mauro Santambrigio, positiv auf EPO im Jahr 2013. Für Di Luca bereits das zweite Mal.

Welcher Radsport Fan kennt es nicht:
Du hast dich in einer geselligen Runde als Radsport Fan geoutet?
Du fährst Rennrad und jemand hat mal wieder einen Spruch gemacht?

Verzweifle nicht, bleib ruhig, sei nicht DER Fan, der immer so durchdreht bei dem Thema Doping im Radsport. Für jede Diskussion gebe ich dir hiermit praktische Argumente an die Hand, um nicht wie ein Depp dazustehen:

Die dopen ja eh alle

Alle höchstwahrscheinlich nicht. Ein paar – ja, vielleicht, weiß ich nicht, wäre doof, kannste aber nichts machen, irgendwer sucht immer eine Abkürzung. Für einen Radsport Fan ist das so wie ein schnarchender Partner: sehr nervig und störend, aber kein Grund zur Trennung. Abgesehen vom moralischen Aspekt des Dopings – die Vorbildfunktion als Athlet, dass es gesundheitsschädlich ist, dass es den Wettbewerb extrem verzerrt – gilt als Fan ein bestimmter Grad an „Suspension of Disbelief“ – die Zweifel ausschalten und den Sport als Ganzen lieben.
Dazu kommt: es hat noch nie „jeder“ gedopt, es gab immer saubere Fahrer, die sich gegen Betrüger eingesetzt haben.

Die Leistung ist unrealistisch

Radfahrer werden dazu bezahlt, außergewöhnlich gut zu sein. Dies sind Vollzeit-Athleten, welche seit ihrer Jugend im Sattel sitzen. Laurens Ten Dam’s Leistung kann man dank seines Strava Accounts sehr gut nachvollziehen. Er hat bis Oktober 2017 im gesamten Jahr 22.687,2 km auf 236 Fahrten absolviert. Das sind im Durchschnitt 96 km pro Ausfahrt. Im Mai und Juli hat er knapp 30 Stunden pro Woche auf dem Rad gesessen. Wenn er dann nicht gut ist, wäre er extrem untalentiert. Dabei ist Laurens Ten Dam „nur“ ein Helfer, Fahrer, die auf’s Treppchen wollen, trainieren noch etwas mehr oder zumindest härter.
Ich persönlich habe kein Interesse, Heinz von nebenan auf dem Rad zu beobachten, da kann er noch so chic im Rapha Trikot aussehen – ich schaue Radsport wegen der Ausnahmetalente. Wenn Chris Froome bei der Tour de France mal wieder an Romain Bardet vorbei zieht, ist das ärgerlich, weil Bardet ein viel coolerer Typ ist, das heisst aber nicht, dass ich Froome nicht für den grundsätzlich talentierteren Athleten halte.

Da wurde schon wieder einer des Dopings überführt!

Ja, gut so! Er wurde gefasst und, sofern die B-Probe auch positiv ist, für vier Jahre offiziell suspendiert. Karriere wahrscheinlich im Eimer, Sponsoren weg. Als nächstes kommt meist nur noch die Veröffentlichung einer Autobiografie, die keiner lesen will.
Warum werden in anderen Sportarten so wenig Dopingfälle bekannt? Weil nicht genug kontrolliert wird. Und gebt doch zu: war es nicht spannend, als Lance Armstrong im Jahr 2012 seine gesamte Karriere um die Ohren flog? So mies es für das Image des Sports ist, ist es am Ende doch sehr unterhaltsam.

*Blutdoping Witz*

Ja, haha. Bludoping war tatsächlich eines der düstersten und skurrilsten Kapitel des Radsports. Kühlschränke voller Blutbeutel, Hundeblut-Transfusionen, der Umstand, dass Jan Ullrich in Fuente’s Datenbank u.a. den Decknamen „Nibelungo“ hatte. Diese Ausmaße wird es wohl nie wieder annehmen. Im Fußball wurde sich vor ein paar Jahren öffentlich darüber gestritten, welche Form des Dopings effizienter ist: Müller-Wohlfahrt’s Kalbsblutsserum-Injektionen oder halt Kortison. Im Radsport gibt es seit 2011 die No-Needle-Policy – keine Injektionen ohne medizinischen Grund. Dazu kommt der Blutpass. Der Radsport ist im Wandel, einige Konsequenzen wurden gezogen – ob diese ausreichen, steht natürlich wie immer zu Debatte.

Die haben so dicke Beine, da wird doch nachgeholfen

Warum ist Fernando Alonso’s Hals so breit wie sein Kopf? Die Anforderungen des Sports formen den Körper, und der Sportler passt sich an.

Im Radsport wird am schlimmsten gedopt

Das unpassendste Argument gegen solche Sprüche ist meist „ABER andere Sportler dopen auch“. Das relativiert im Grunde nur den Umstand, dass Doping Teil des professionellen Sports ist. Seien wir realistisch: in Verbindung mit Sponsoringverträgen, großen Egos und oft sehr jungen Athleten spielen Abkürzungen und Betrug eine große Rolle. Was oft übersehen wird, ist nicht nur das leistungssteigernde Doping, sondern auch der Recovery-Aspekt: jemanden nach einer Verletzung oder während einer Krankheit schnell wieder fit zu kriegen – und das ist im modernen Profi-Sport ein großes Thema.
Es geht nicht um den Vergleich, sondern darum, was der Sport dagegen macht, denn im Radsport wird mit am strengsten kontrolliert und durch die Skandale der letzten Jahrzehnte ist die öffentliche Aufmerksamkeit und mediale Berichterstattung höher. Anstatt zu relativieren, sollte man realistisch bleiben.

Man sollte Doping legalisieren

Cool, stell dir vor du hast Nachwuchs, und diese/r möchte Profi werden. Wie fändest du es, wenn er/sie jedes mögliche Mittel zur Leistungssteigerung und Erholung nehmen darf? Hormone inklusive?
Legales Dopen wird nicht für Gleichheit sorgen, denn jeder Fahrer reagiert anders auf das Mittel. Dies macht auch die Argumente gefasster Doper (u.a. Jan Ullrich) völlig unsinnig. Wer z.B. von Natur aus einen hohen Hämatokritwert hat, wird weniger von EPO profitieren und sich eher in Lebensgefahr bringen.
Der Kampf gegen Doping im Radsport ist weiterhin wichtig, was die WADA macht ist für professionellen Sport unabdingbar – aber ohne Frage ein Kampf gegen Windmühlen. Ein Doping Test ist für manche Profis eher ein IQ Test, wer heute noch mit EPO im Blut erwischt wird, ist schon ziemlich doof.
Aber das Tests funktionieren gibt Hoffnung, und auch rückwirkend zu testen ist eine gute Methode zur „Abschreckung“. So wie z.B. das erneute Überprüfen der Proben von einigen Profis aus den 90ern, welche Erik Zabel zu einem Geständnis zum Geständnis zwangen. Irgendwann beisst es einen immer in den Arsch.

Fazit:
Man kann den Sport lieben und die Doper hassen. Man sollte sich zudem angewöhnen, Radsport zu schauen, ohne ständig an den Leistungen zu zweifeln. Doping bringt Menschen in Lebengefahr, der Kampf dagegen ist wichtig. Als sauberer Fahrer gilt es, für eine saubere Kultur von innen einzustehen. Schön wäre es außerdem, wenn in den Medien über den Sport berichtet wird, ohne die süffisant-unerträgliche Art mancher, sicherlicher fachlich unstrittiger Kommentaroren wie Dr. Werner Franke zu viel Raum zu geben.
Als Fan hilft es, nicht allzu zynisch zu werden und das Ganze, wie die Franzosen, etwas mehr als Entertainment zu sehen. Dann sind die Sprüche von Kollegen auch besser zu ertragen.

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