Ausflüge in den Bahnradsport

Die Geschichte des Stundenweltrekords

Die Geschichte des Stundenweltrekords

Der Stundenweltrekord ist wieder in alles Munde seit Jens Voigt am 18. September 2014 den Rekord brechen und seine Profikarriere zu einem krönenden Abschluss bringen konnte. Für viele Radfahrer gilt er als Prestigetitel in den Palmares, Fabian Cancellara, Tony Martin und Bradley Wiggins bringen sich seit Jahren immer wieder als Anwärter ins Gespräch. Doch der Rekord war jahrelang strengen Auflagen unterworfen, um die Vergleichbarkeit der Leistungen im Angesicht der technischen Neuerungen beizubehalten. Im Mai 2014 jedoch ändere die UCI die Regelungen und öffnete den Wettbewerb, mit der Absicht den Rekord wieder attraktiver zu machen. Wie entwickelte sich also die legendäre Stunde auf der Bahn im Laufe der Geschichte und was bedeuten die neuen Regeländerungen für den Rekord?

Francesco Moser bei seinem Stundenweltrekordversuch 1984 in Mexico

Francesco Moser bei seinem Stundenweltrekordversuch 1984 in Mexico

Was ist der Stundenweltrekord?

60 Minuten gegen die Uhr – dieses einfache Konzept ist im strengsten Sinne ein Test von Kraft und Ausdauer eines Athleten. Die zurückgelegte Entfernung gilt hier als Maßstab.

Eines der größten Streitpunkte der Geschichte des Stundenweltrekords ist jedoch, ob es letztendlich um Geschwindigkeit oder Ausdauer geht. Mithilfe der technologischen Entwicklungen waren Fahrer wie Francesco Moser und später Chris Boardman in der Lage, den Rekord zu brechen. Doch unter strengen Gesichtspunkten ist die Leistung beider nicht Vergleichbar, auch weil beide den Rekord an unterschiedlichen Orten aufstellten.

Kann man die Entwicklungen und Umstände überhaupt so weit beschränken, dass es nur noch um Kraftakt an sich geht?

Die frühen Anfänge

Um die Jahrhundertwende gehörten unter anderem der Gründer der Tour de France, Henri Desgrange, sowie einem der ersten Sieger der Rundfahrt, Lucien Petit-Breton zu den ersten Titelhaltern. Der Amerikaner Willie Hamilton überschritt im Jahr 1989 die 40 km-Grenze in Denver, wahrscheinlich auch mit Hilfe dünnen Luft in Colorado.

Im Laufe der nächsten 70 Jahre schafften es Fahrer wie Fausto Coppi (45,798 km), Jaques Anquetil (46,159 km) und Roger Rivière (47,347 km) sich gegenseitig zu überholen und an die 50km-Grenze heranzufahren. Doch erst Eddy Merckx setzte den Maßstab für die nächsten 28 Jahre.

Eddy Merckx und die unmöglichen 49,431 Kilometer

Eddy Merckx' Hour Record Bike Specifications

Merck’s Rad im Detail

Im Jahr 1972 gewann der damals 27-jährige Eddy Merckx Mailand-San Remo; Flèche Wallonne; Lüttich-Bastogne-Lüttich; die Lombardei-Rundfahrt, die Giro und die Tour de France und hatte noch genug Energie, um am 25. Oktober einen neuen Stundenweltrekord aufzustellen.

Merckx fuhr ein Stahlrad mit der Geometrie eines Straßenrads, doch dies war nur eines von vielen ungewöhnliches Details. Durch zahlreiche Bohrlöcher, ultra leichten Reifen und einem speziell angefertigtem Vorbau aus Titan, war das von Ernesto Colnago zusammengestellte Rad nur 5,4 Kilogramm schwer. Durch die von seinen darauffolgenden Konkurrenten genutzten technischen Neuerungen sollte dieses Rad, so der Beschluss der UCI im Jahr 1997, als Standard für alle folgenden Versuche gelten.

Zudem kam der Umstand, dass Eddy Merckx den Versuch in einem Velodrom in Mexico City absolvierte – 2250m über dem Meeresspiegel. Während Ferdinand Bracke erst drei Jahre zuvor aufgrund von Höhenkrankheit und akuter Atemnot seinen Versuch aufgeben musste, war Eddy Merckx besser vorbereitet. Er trainierte zuhause mit einer Sauerstoffmaske, welche die dünne Luft der Stadt simulieren sollte. Das heimische Höhentraining schien zu helfen, Merckx setzte die Marke auf 49,431 km.

Drei Jahre zuvor war der Däne Ole Ritter der erste Fahrer, der die Höhe des Wettkampfortes in Mexiko nutzen konnte. Er versuchte Merckx den Titel im Jahr 1974 wieder abzunehmen, was ihm jedoch nicht gelang. Ein Kamerateam war dabei und zeigt im Film „The Unmögliche Stunde“, welche Vorbereitung und mentale Verfassung dazu gehört, um den Rekord zu brechen. Der Film ist unter seinem englischen Titel relativ einfach via Google zu finden, hier ein Ausschnitt .

 Aerodynamische Vorteilsnahme

Im Clip zu sehen: Francesco Moser, enger Freund von Ole Ritter, dreimaliger Sieger von Paris-Roubaix und Sieger der Giro d’Italia. Moser nahm im Jahr 1984 selbst den Stundenweltrekord in Angriff. Er übertraf Merckx‘ Rekord um fast zwei Kilometer, jedoch wich sein Rad erheblich von dem seines Vorgängers ab, denn in den 12 Jahren zwischen den Versuchen hatte sich in Sachen Aerodynamik einiges getan.

Moser nutzte nicht nur einen Bullhorn Lenker, welcher eine windschnittigere Sitzposition erlaubte, sondern auch zwei Scheibenräder und eine Rahmengeometrie mit abfallenden Oberrohr (siehe erstes Foto oben). Merckx beschwerte sich über den technischen Vorteil des Italieners, doch die UCI ging erst im Jahr 1997 auf das Problem der technischen Unterschiede am Rad ein. Moser’s Rekord wurde erst im Jahr 1993 vom Schotten Greame Obree übertroffen.

Boardman vs Obree

Es war nicht nur die Tatsache, dass ein nicht-Profi den Rekord des legendären Italieners übertraf, sondern auch wie: Greame Obree baute sich sein Rad unter anderem aus Teilen einer Waschmaschine (das Kugellager) selbst zusammen, flog auf eigene Rechnung nach Norwegen, buchte dort ein Velodrom, und brach, nachdem sein erster Versuch scheiterte, den Rekord um 9 Uhr morgens im zweiten Versuch mit 51,596 km. Obree gewann den Titel ohne den Vorteil der Höhenmeter, jedoch anders als seine Vorgänger, auf einem überdachten Rundkurs.

Eine weitere Eigenheit: Bei seinem Rekord nutzte Obree einen sehr kurzer Lenker ohne Vorbau, wobei die Arme angewinkelt am Körper über den Oberschenkeln lagen. Obree hielt den Titel nur knapp eine Woche, denn der Goldmedaillengewinner von Barcelona 92′ und GAN-Profi Chris Boardman überholte ihn in Bordaux um knapp 700 Meter. Boardman fuhr ein Carbonrad mit Carbonlaufrädern und einem Triathlonlenker.

Greame Obree beim Training in der nach ihm benannten Position, und  hier bei seinem Rekordversuch

Greame Obree beim Training in der nach ihm benannten Position

Doch Obree holte sich in seiner ungewöhnlichen Position im Jahr 1994 den Rekord zurück. Nachdem der Lenker von der UCI verboten wurde, entwickelte er daraufhin die „Superman Position“, bei der die Arme ausgestreckt nach vorne auf einem Anbau lagen. Damit (jedoch noch immer auf dem selben Rad wie 1993 ) gewann er 1995 die Bahnweltmeisterschaft in der Einzelverfolgung. Die UCI verbot die Position zunächst erneut, nahm die Entscheidung jedoch später wieder zurück. Hein Verbruggen fand bekanntermaßen keinen großen Gefallen am erfinderischen Schotten.

Zwischen September und November 1994 boten sich Miguel Indurain (auf dem berühmten Pinarello Espada) und Tony Rominger ein Duell um den Rekord. Beide nutzten Triathlonaufsätze. Im Jahr 1996 wurde Chris Boardman mit beeindruckenden 56.375 Metern erneut Rekordhalter – in der Superman Position auf einem Rad aus dem Hause Eddy Merckx.

Channel 4 verfolgte die Entwicklungen beider Fahrer in einer Dokumentation aus dem Jahre 1994:

Die UCI setzt alles auf Anfang

Immer mehr Fahrer versuchten sich mit unterschiedlichen Aufbauten am Stundenweltrekord, bis sich die UCI gezwungen sah, technische Restriktionen einzuführen. Im Jahr 1997 trat die Regelung in Kraft, bei der nur ein Aufbau ähnlich wie Eddy Merckx‘ Rad aus dem Jahr 1972 erlaubt war. Ein „einfaches“ Rad mit normalem Lenker. Somit wurden alle Rekorde ab 1972 annulliert.

Dies hielt Chris Boardman jedoch nicht davon ab, es im Jahr 2000 noch einmal zu versuchen. Er nutzte ein „einfaches“ von der UCI abgesegnetes Carbonrad, mit Rennradlenker und Speichenrädern. Im letzten Jahr seiner Profikarriere brach der an Osteoporose leidende Engländer Merckx‘ Rekord um knappe 10 Meter. Auch hierzu eine interessante Doku:

2005 setzte der Russe Ondřej Sosenka den Rekord auf 49,700 km fest. Es war der letzte Rekord unter der alten Regelung.

Die Regeländerungen von Mai 2014 – Jens Voigt & Matthias Brändle

Seit dem 15. Mai setzte die UCI unter dem neuen Vorsitz von Brian Cookson dem hin und her ein Ende. Die Regelung wurde zusammengestrichen, erlaubt ist nun jedes moderne, von der UCI erlaubte Bahnrad, welches man z.B. auch bei den Weltmeisterschaften zu sehen bekommt.

Der erste der die Möglichkeit nutzte war Jens Voigt. Der 43-jährige nutzte den legendären Rekord als Finale seiner Karriere – und dies ist ihm mit zurückgelegten 51,115 km geglückt. Knapp sechs Wochen später zog der 19 Jahre jüngere Österreicher Matthias Brändle (IAM Cycling) mit 51,852 km nach. Jens Voigt führt immerhin noch seine Altersklasse an.

Wie ist die Änderung zu bewerten? Es ist einerseits nicht sicher, wie lange der neue Rekord halten wird, da es nur geringe Vergleichsmöglichkeiten gibt und sich in naher Zukunft weitere Fahrer, unterstützt von Sponsoren, daran versuchen werden. Allerdings sind die neu aufgestellten Entfernungen mehr oder weniger standardisiert, da auch Entwicklungen an Bahnrädern nur langsam voranschreiten.

Natürlich ist die Leistung von Eddy Merckx anders zu bewerten, als die von Jens Voigt – nicht nur aufgrund der örtlichen Unterschiede. Aber wie ist das unter völlig neutralen Umständen überhaupt möglich? Fabian Cancellara ist der erste der meckert, aber es spricht schließtlich nichts dagegen, dass er den Rekord mit der Merckx-Ausstattung fährt.

Was letztendlich zählt: das Duell zwischen Boardman und Obree war wohl gerade aufgrund des offenen Wettbewerbs spannend. Gerade die technischen Tüfteleien machten es besonders aufregend. Doch was vor allem der rudimentäre Radaufbau von Greame Obree im Vergleich zu dem von Boardman gezeigt hat: letztendlich sind es die Beine, die den Rekord aufstellen.

Der Unterschied zwischen Bahn- und Tour de France-Gewicht

Der Unterschied zwischen Bahn- und Tour de France-Gewicht

Eigentlich ist es offensichtlich, dass Bahnradfahrer einiges mehr an Gewicht mit sich herumtragen, als Kletterer bei der Tour de France. Wenn man, wie derzeit zwei Goldmedaillengewinner von London 2012, auch bei der Tour de France antreten will, muss man das Kunststück vollbringen, Gewicht zu verlieren und gleichzeitig in Form zu bleiben. Der Maßstab dabei: das optimale Verhältnis von Kraft zu Gewicht – die gewichtsbezogene Leistung ist dementsprechend höher, um so leichter der Fahrer und das Rad.

Wie man an Chris Froome’s Armen erkennen kann, und auch im letzten Jahr bei Bradley Wiggins‘ Körperbau, treibt es Team Sky dabei auf die Spitze. Wo andere Teams die Fahrer mehr oder weniger alleine lassen, beschäftigt Sky vier full-time coaches und einen Ernährungsberater. Dabei geht es auch um das optimal-niedrigste Gewicht der Fahrer, und dies sicher etwas ausgereifter als Bjarne Riis‘ Diät zu seinen aktiven Zeiten: Nach dem Training eine große Flasche Mineralwasser trinken und dann eine Schlaftablette, um den Hunger zu verschlafen. Sky’s Ernährungsberater Nigel Mitchell setzt dabei oft auf eine kohlenhydratarme Diät, neben dem sonst schon sehr umfangreichen Training.

Geraint Thomas sagt, er hat 7kg an Gewicht verloren, während der Olympiade in London wog er nach eigener Aussage 75kg und ist nun bei 68kg angelangt. Eigentlich wollte er an seinen Fähigkeiten am Berg arbeiten, ein Sturz bei der ersten Etappe bei dem er sich einen Riss in der Hüfte zuzog, zwangen ihn jedoch dazu seine Pläne vorerst auf Eis zu legen. Ein Grund bei der Tour aufzugeben war es für ihn dennoch nicht, es musste ihm in den ersten Tagen nur jemand aufs Rad helfen…

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Geraint Thomas, kurz vor London 2012 und bei der ersten Etappe der Tour 2013

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Interview: Maximilian Levy – „Als Sprinter muss man auch mal Schwein sein“

Interview: Maximilian Levy – „Als Sprinter muss man auch mal Schwein sein“

Frankfurt/Oder besitzt etwas, was viele Bahnradsportfans in ihrer näheren Umgebung schmerzlich vermissen: ein überdachtes Velodrom mit Holzrennbahn. Jedes Jahr im November findet hier der Frankfurter Kreisel statt, ein Bahnradrennen mit Teams aus der Region und ein paar entfernt-lokalen Profis. Maximilian Levy liess hier seine äußerst erfolgreiche Saison ausklingen. Der Cottbusser brachte von den Olympischen Spielen in London eine Silbermedaille im Keirin und eine Bronzemedaille im Teamsprint mit nach Hause, nachdem er zum Anfang des Jahres beim Bahnrad Weltcup in Cali in beiden Disziplinen den ersten Platz belegte. Der derzeit erfolgreichste deutsche Bahnradfahrer nahm sich zwischen Aufwärmintervallen auf der Frankfurer Bahn Zeit für ein knapp 40-Minütiges Interview.

Foto: © Thomas Damm

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Grundwissen: Bahnradsport

Grundwissen: Bahnradsport

Eigentlich klingt es ja gar nicht so komplex. Bahnräder haben keine Gangschaltung, sondern eine starre Nabe, damit fahren Sie in einem Velodrom im Kreis gegen andere Fahrer. Allerdings gibt es einige Disziplinen, Fahrertypen und Regeln, die ich versuchen werde in diesem Artikel zu erklären.

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