Geschichten aus dem Profi-Radsport Peloton

Radrennen schauen für Anfänger: die Frühjahrsklassiker

Radrennen schauen für Anfänger: die Frühjahrsklassiker

“Radrennen sind langweilig”, “Da passiert ja stundenlang nichts”, “Ich gucke es nur wegen der schönen Gegend” – wer sich solche Aussagen des öfteren anhören müsste, darf diesen Artikel gern an Freunde und Verwandschaft weitergeben. Radsportjünger wissen, dass sich in einem Rennen mehr Action versteckt, als auf dem ersten Blick ersichtlich. Radrennen sind voll mit taktischen Manövern und auch wenn nur ein Fahrer gewinnen kann, ist es ein Teamsport durch und durch.

Die Taktik des Teams wird durch das Terrain des Rennens entschieden. Beginnen wir am Anfang des Jahres: bei den Klassikern

Auf welche Fahrer man achten muss

Klassikerspezialisten wie Tom Boonen haben von der Statur her wenig mit den Spinnenwesen der Tour de France Favoriten gemein (Foto: Brandan Ryan Flickr CC by NC SA

Klassikerspezialisten wie Tom Boonen haben von der Statur her wenig mit den Spinnenwesen der Tour de France Favoriten gemein (Foto: Brandan Ryan (Flickr) CC by NC SA

Eintagesklassiker wie Milan-San Remo oder Paris-Roubaix mit über 250 Kilometern Streckenlänge, die in der Regel innerhalb von sechs Stunden vorbei sind, verlangen den Fahrern, anders als z.B. bei Bergetappen, unterschiedliche körperliche Anforderungen ab. Typische Sieger (ausnahmen bestätigen die Regel) sind kräftig gebaute, breitschultrige Klassikerspezialisten wie Tom Boonen und Fabian Cancellara, deren Stärken man am Umfang ihrer Oberschenkel ablesen kann. Kurze, steile Anstiege auf unbequemen Untergrund (Kopfsteinpflaster), meistern solche Fahrer eher, als auf Ausdauer spezialisierte, eher dünne Fahrer wie Alberto Contador.

Dennoch gibt es auch hier Überraschungssieger, die taktisch mehr Geschick beweisen konnten oder von den Fehlern der Spezialisten profitieren. Ein gutes Timing für eine Attacke ist oft Rennentscheidend, gerade weil die Außenseiter von den Verfolgern weniger ernst genommen werden – anstatt dem Ausreißer zu folgen, wird hinten die Lage sondiert und wichtige Zeit verschenkt.

Wenn ein Favorit attackiert und der Rest nicht folgt, ist dies oft einfach nur ein sicheres Anzeichen dafür, dass der Favorit sich als der Fitteste herausgestellt hat. Auch deshalb wird er vom Rest des Teams während des Rennens vor dem kräftezehrenden Wind geschützt, bis sich seine Helfer nach und nach zurückfallen lassen müssen.

Da die Frühjahrsklassiker in radsportbesessenen Ländern wie Belgien, den Niederlanden und Frankreich stattfinden, wollen sich die nationalen Meister dieser Länder oft besonders hervortun. Die belgische Flagge auf dem Trikot ist ein Prestige für die Fahrer und spricht demjenigen automatisch eine Favoritenrolle zu. Angefeuert durch schreiende, heimische Fans, die zwar oft nicht den Namen des Fahrers aber immerhin die Farben der Flagge kennen, bringt die Bedeutung des Trikots einen zusätzlichen Motivationsschub.

Wie erkenne ich einen Fahrer?

Thor Hushovd trägt nicht nur das Erkennungsmerkmal eines ehemaligen Weltmeisters an Kragen und Ärmel, er ist derzeit auch norwegischer Meister (Foto: Lombardie (Flickr) CC 2.0

Thor Hushovd trägt nicht nur das Erkennungsmerkmal eines ehemaligen Weltmeisters an Kragen und Ärmel, er ist derzeit auch norwegischer Meister (Foto: Lombardie (Flickr) CC 2.0

Die unter Helmen und hinter Sonnenbrillen versteckten Fahrer sind innerhalb eines großen Feldes zweifellos schwer zu unterscheiden. TV-Kommentatoren behelfen sich nicht nur durch die Trikotfarben und Starterlisten mit den Nummern und Namen der Fahrer im Feld, oft haben Fahrer typische Merkmale, die bei der Identifizierung helfen. Unterscheiden kann man sie:

  • am Equipment: Geraint Thomas von Team Sky trägt immer eine weiße Sonnenbrille. Phillipe Gilbert meistens weiße Schuhe, Tom Boonen trägt nie Handschuhe.

 

  • an der Statur/körperliche Merkmale: Andre Greipel hat ein prominentes Kinn, Thomas Voeckler hat, neben der Gewohnheit seine Zunge herauszustrecken, eine starre, eigenartige Haltung auf dem Rad, Bradley Wiggins trug bis zum letzten Jahr Kotletten (bis ihn der hohe Wiederekennungswert lästig wurde und er sie abrasierte)

 

  • am Trikot: ehemalige Weltmeister unterscheiden sich am Trikot von ihren Teamkollegen durch den Regenbogen-Armreif am oberen Ärmel und am Kragen. So etwas ist auch bei ehemaligen nationale Meistern in der Farbe ihrer Nationalflagge zu sehen. Ein Fahrer wie Peter Sagan gewinnt aufgrund mangelnder Konkurrenz regelmäßig den nationalen Titel, weshalb die slowakische Flagge im Grunde zu jeder Saison auf seinem Trikot zu sehen ist.

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Neue ProTour Teamkits der Saison 2014

Neue ProTour Teamkits der Saison 2014

Frohes Neues! Zum neuen Jahr zeigen die Profi-Radsportteams nach und nach die neuen Designs ihrer Trikots. Hier eine erste Übersicht:

Team Sky

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Sky’s Trikotausstatter Rapha nimmt die Marginal Gains-Philosophie von Team Sky sehr ernst, dieser minimale Netz-Bodzsuit sorgte jedoch im Voraus  für einige Lacher. Rapha minimalisierte den Sommer Skinsuit so weit, dass die Logos der Sponsoren bei einem Sonnenbrand dauerhaft in die Haut der Fahrer eingebrannt werden könnten. Die Frage, bis wo hin die Profis ihre Beine rasieren, beantwortet sich in dem Fall von selbst. In dieser Frankie Goes To Hollywood-Hommage wird Chris Froome sicher keine Probleme haben an den Türstehern im Berghain vorbeizukommen.

Team Belkin

team belkin teamkit jersey saison 2014

Das Trikotdesign hat sich seitdem die Firma Belkin im letzten Jahr als Hauptsponsor des ehemaligen Rabobank Teams enthüllt wurde nicht geändert. Die einzige interessante Neuerung: Bianchi löst Giant als Radsponsor ab und ist auch nachdem Vacansoleil aus dem Peloton verschwindet weiterhin in der World Tour vertreten. Laut Management können Firmen für bestimmte Rennen einen Platz auf dem Trikot mieten – eine flexible Einnahmequelle.

Omega Pharma – QuickStep

team omega pharma quickstep teamkit jersey saison 2014

Ist Schwarz das neue Blau? Im letzten Jahr schien Dunkelblau der letzte Schrei des Trikotdesigns gewesen zu sein, ein paar Teams rücken nun wieder davon ab.

Team Lotto-Belisol

team lotto belisol teamkit jersey saison 2014

Frischer Wind! Lotto Belisol haben ihr Teamkit für diese Saison komplett überholt und ein Retro Design verpasst. Gelb-Blau-Weiss wird durch ein knalliges Rot-Orange abgelöst. Die Hosen wurden dabei leider etwas vernachlässigt, trotzdem wird Lotto-Belisol sicher eines der sichtbarsten Teams im Peloton sein.

Team Astana

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Das kasachische Team Astana entschied sich für eine Huldigung für ihren Staatshelden Alexandre Vinokurov und druckte sein schmerzverzerrtes Gesicht auf die Front- und Rückseite des neuen Teamkits. Nicht wirklich - Hier das neue, eher unspannende Trikot.

Team Movistar

team movistar teamkit jersey saison 2014

Das letzte verbliebende Spanische World Tour Team wird nun von Endura ausgestattet, die Koblenzer Firma Canyon übernimmt neuerdings das Radsponsoring, während Alejandro Valverde auf den offiziellen Teamfotos endgültig die vor ein paar Jahren aufgekommenen Gerüchte um eine vermeintlich erfolgte Haartransplantation ausräumen kann.

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So weit bekannt bleiben FDJ und BMC beim selben Design. Die Enthüllung des neuen Sponsors von Argos-Shimano wird mit Spannung erwartet – spätestens zu Beginn der Tour Down Under am 19. Januar werden alle neuen Designs der World Tour Teams enthüllt!

 

Der Profi-Radsportler PinUp Kalender 2014 – unterstützt den Frauenradsport

Der Profi-Radsportler PinUp Kalender 2014 – unterstützt den Frauenradsport

Warum müssen sich immer Frauen ausziehen, wenn sie auf ihre Sportart aufmerksam machen wollen? Die Fotografin Laura Fletcher hatte die großartige Idee, einen Sonderpreis bei der Tour of Britain der Frauen im nächsten Jahr durch den Verkauf eines Profiradsportler-Pin Up Kalenders zu finanzieren.

nathan haas protour pinup calendar 2013

Garmin-Sharp’s Nathan Haas im Planschbecken

Mehr oder weniger ausgezogen haben sich dafür junge, ziemlich dünne Männer aus verschiedenen Teams. Darunter Taylor Phinney in einem italienischen Olivengarten, Nathan Haas im Planschbecken, Jens Voigt in einem Waldstück um Berlin. In Szene gesetzt wurden die Männer meist bei ihnen zuhause, das Motiv konnten sie selbst bestimmen. Jeder mit ein bisschen Humor sollte erkennen, dass das ganze Gepose nicht ganz ernst gemeint ist. Das Pool Foto von Filippo Pozzato scheint seinen italienischen Gigolo Lifestyle allerdings ganz gut zu repräsentieren:

filippo pozzato protour pinup calendar 2013

Pippo Pozzato am Pool

Die Verkaufserlöse kommen ausserdem der Davis Phinney Foundation zu Gute, die nach Taylor Phinney’s Vater benannte Stiftung zugunsten der Parkinson Forschung. Auch Alex Dowsett’s Little Bleeders Stiftung erhält dadurch Unterstützung. Dowsett hatte die Stiftung ins Leben gerufen, um Familien zu helfen, dessen Söhne so wie er an der Bluterkrankheit leiden.

taylor phinney protour pinup calendar 2013

Taylor Phinney mit Tanlines zuhause in Italien

Der Kalender kostet 10£ + 7,25£ Porto nach Deutschland (für bis zu zwei Kalender), insgesamt also knapp 20€. Wer also schon einmal ein Weihnachtsgeschenk für Freund, Freundin, besten Kumpel, Mutter, Vater oder Vereinskollegen sucht, kann den Kalender hier bestellen!

Video: 300km Audax Hamburg – Berlin 2013

Video: 300km Audax Hamburg – Berlin 2013

Ein paar Freunde von mir fuhren am letzten Samstag erneut eines der traditionellsten und bekanntesten 300 Kilometer langen “Zeitfahrrennen”  Deutschlands. Bei einem Audax geht es ja bekanntermaßen nicht um den Wettbewerb mit anderen Startern, sondern darum, das Rennen zu Ende zu fahren. In diesem Jahr war das Wetter so katasrophal, dass es letztendlich immerhin 197 von 305 angemeldeten Fahrern von Hamburg aus bis nach Berlin schafften. Da halfen auch die gelben Gute-Laune-Gläser in den Brillen nichts.

Hamburg Berlin Audax 2013 Video Screenshot

Entgegen der eigentlichen Regeln hatten meine Freunde ein Begleitfahrzeug dabei, mit Verpflegung und Sachen zu Wechseln. Ein großer Kleidungswechsel hat bei dem Regen wenig Sinn gemacht aber Tee und Sandwiches waren wichtig für die Moral. Abends ging es für die drei Hamburger im Auto zurück, um vier Uhr lagen sie im Bett. Das Ziel, die Strecke in unter 10 Stunden zu schaffen wurde gerade so erreicht.

Es ist keine Schande zu erwähnen, dass einer der fünf Starter aus der Gruppe nach 115 Kilometern ins Begleitfahrzeug steigen musste. Mit dem mit Abstand geringsten Körperfettanteil (so gering, dass die digitale Waage den Wert “Error” produzierte) war er einfach bei den Wetterverhältnissen komplett unterkühlt.

Irgendwann habe auch ich so viele Kilometer in den Beinen, dass ich mir so eine lange Strecke zum Saisonende zutraue. Den Jungs hat es trotz allem Spaß gemacht, es geht ja schließlich um die sportliche Herausforderung und das Ziel, auch mal Abseits der üblichen Wochenendrunden und Jedermannevents an seine körperlichen Grenzen zu gehen.

Hier das Go-Pro HD Video, für das sich Lennart extra einen schicken Brustgurt geliehen hat – ein schöner Einblick in das Rennen. Ich bin mir sicher, dass sich unter meinen Lesern ein paar IT/Programmierer/Java/Ruby/Triathlonkläuse befinden: checkt mal Graylog2 aus!

Hamburg Berlin 2013 – GoPro HD cycling from Lennart Koopmann on Vimeo.

Eine verlorene Generation geht in Rente

Eine verlorene Generation geht in Rente

Die Saison neigt sich dem Ende zu und wie jedes Jahr gibt es erhebliche freiwillige und unfreiwillige Wechsel zwischen den Teams. Die Teams Vacansoleil-DCM und Euskatel-Euskadi werden im nächsten Jahr nicht mehr existieren. Das Team Vacansoleil hat sich mit einer Notlösung in der letzten Minute behelfen müssen, während der geplante Neuaufbau vom Team Euskatel unter Fernando Alonso letztendlich doch scheiterte. In der zweiten Liga betrifft es Teams wie Sojasun und Champion System, deren Suche nach neuen Sponsoren als fast aussichtslos beschrieben wird. Leopard-Trek wird ab nächster Saison als Team Trek weiter machen und nicht allen Fahrern wird ein neuer Vertrag angeboten.

Eine Entscheidung zwischen Gehaltskürzung oder Vertragsende

Thomas de Gent hätte eine Gehaltskürzung von satten 80% hinnehmen müssen, bevor er einen last-Minute Vertrag bei Omega Pharma – QuickStep unterschrieb. Ein Teil seiner Teamkollegen beginnen die neue Saison in dem Nachfolgeteam von Vacansoleil auf ProContinantal Level, eine Liga unter dem ProTour Status. Eine Notlösung – das Team wird unter dem Namen des ehemaligen Vacansoleil co-sponsors Wanty weiterbestehen.

Auch Alberto Contador verzichtet auf 15% seines Gehalts, um seinem Team Saxo Bank nach dem Ausstieg des Bankiers Oleg Tinkoff als Nebensponsor über Wasser zu halten. Durch den Rückzug des extravaganten russischen Multimillionärs fehlen dem Team sechs Millionen Euro für die nächste Saison. Tinkoff steht derzeit mit Cannondale in Verhandlungen als neuer Co-Sponsor.

Auch das Team Leopard-Trek wird sich zwangsweise umstrukturieren müssen. Die Radfirma Trek übernahm die Lizenz des Teams und verpflichtete Fahrer wie die Schleck Brüder und Jens Voigt, aber dem Gewinner der Vuelta, Chris Horner, wurde kein neuer Vertrag angeboten. Horner war vor der Vuelta aufgrund von Verletzungen in der Versenkung verschwunden, durch seinen Grand Tour Sieg stiegen seine Gehaltsansprüche, welche die meisten Teams so spät in der Transferphase nicht mehr erfüllen können.

Eine vorbelastete Generation

Chris Horner liess am 07. Oktober seinen Frust über seinen noch ausbleibenden Profivertrag auf Twitter ab. In 24 Tweets beschrieb er den Verlauf seiner Profikarriere, wies auf seine Erfolge und sein Comeback in diesem Jahr hin. Er ist mit 41 Jahren der älteste Grand Tour Gewinner überhaupt, wurde aber durch die Jahre in seiner Karriere, in denen eine weit verbreitete Dopingkultur herrschte, nie von Dopingspekulationen verschont. Die Vorwürfe, dass er zu einem der geschwärzten Namen in den USADA Dokumenten zur Untersuchung gegen Lance Armstrong gehört, wies er zurück.

Dave Zabriskie und Christian Vande Velde beenden beide ihre Karriere

Dave Zabriskie und Christian Vande Velde beenden beide ihre Karriere

Die größte Veränderung steht jedoch Garmin-Sharp bevor. Das Team wechselt seine Strategie seit dem Sieg der Giro d’Italia im Jahr 2012 in Richtung junger, starker Talente für das Gesamtklassement. Dem Sprinter Robbie Hunter wurde nach 14 Profijahren kein neuer Vertrag angeboten, andere Fahrer kamen der Entscheidung von Teammanager Jonathan Vaughters wohl zuvor. Dave Zabriskie und Christian Vande Velde werden ihre Profikarriere im Jahr 2014 nicht weiterführen. Sie hatten im Rahmen der Untersuchung der USADA zugegeben, während ihrer Zeit bei US Postal und Discovery Channel gedopt zu haben und gehören somit zu der “verlorenen” Generation von Fahrern, die angaben, dem Druck des Systems nachgegeben zu haben. (mehr …)

Die Münsterland Giro im Teamauto von NetApp-Endura

Die Münsterland Giro im Teamauto von NetApp-Endura

“I’ve got that camera too!” Blaž Jarc wirkte um 9 Uhr morgens auf dem Weg zum Teambus wacher als ich und hatte vor dem 200 Kilometer langem Rennen offensichtlich gute Laune. Die Münsterland Giro durfte ich in diesem Jahr vom Auto des Team NetApp-Endura mitverfolgen – eine Premiere für mich. Auch wenn ich vorgewarnt wurde, dass man vom Rennen an sich in der Wagenkolonne nicht viel mitbekommt, war ich trotzdem äußerst angetan von dem Einblick den ich dadurch bekam. Es hat unheimlich viel Spaß gemacht!

muensterland giro 2013 team netapp-endura teamauto teambus

Enrico Poitschke ist bereits seit der Gründung des Teams Sport Direktor bei NetApp-Endura. Er begrüßte mich freundlich, bevor ich mit Kamera und Handy neben ihm auf dem Beifahrersitz platz nahm. Hinter mir: Mechaniker Hans, drei Ersatzreifen, die Rucksäcke der Fahrer, eine Kühlbox und zwei weitere Ersatzreifen im Kofferraum. Die Karte wurde noch einmal studiert und schon machte sich der Tross aus Teamauto, Bus und Van auf den Weg zum Start in Beckum, 50 Kilometer weiter östlich von Münster.

Beckum ist ein typisch westfälisches Städtchen mit einer verwinkelten Innenstadt. Anscheinend hatte uns das Navi über eine kleine Schleife geschickt, sodass die Busse der anderen Teams bereits auf dem kleinen Parkplatz standen und wir uns irgendwo dazwischen mogelten. Die Jungs blieben erstmal im Bus, während die beiden Mechaniker die Räder aufbauten, Bremsen einstellten, Reifen aufpumpten und die Schaltung überprüften. Auf jeden Vorbau wurde mit einem kryptisch bedruckten Klebestreifen versehen – Kilometerangaben mit zwei Ausrufezeichen, “^” für den einzigen Hügel im Rennen und ein S für Sprint? Ich habe leider vergessen zu Fragen, was es genau bedeuten sollte. Der angenehm-penetrante Geruch von Eukalyptus-Massageöl und Gesäßcreme lag in der Luft. Man hörte surrende Räder, das Klicken, wenn die Schuhe aus den Pedalen gezogen werden und von weitem den aufgeregte Ansager an der Startlinie.

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Mittlerweile hatten die Fahrer ihre Jogginghosen gegen Trägerhosen eingetauscht und entstiegen dem Bus gut gelaunt für eine erste kleine Fahrt, um die Beine in Gang zu bringen und um die Räder zu testen. Autogrammjäger sortierten hektisch durch ihre Auswahl an Kärtchen und die Fahrer unterschrieben, sofern das Bild zum Gesicht passte. Der obligatorische, über den Lenker gebeugte Blick auf die Bremsen verlief unter den Fahrern fast synchron. Auf die Routine folgte das Festziehen der Bremshebel und das Testen der Reifen durch ruckartiges Hämmern des Vorderreifens auf den Parkplatzasphalt, gefolgt von einem erneuten Blick auf die Bremsen und so weiter. Nach der Probefahrt meldete sich Jonathan McEvoy, der Engländer und, laut Profil auf der NetApp-Endura Website Sunnyboy des Teams, mit einem fast unverständlich dicken Scouse Akzent bei Hans, der seine Frage schnell beantworten konnte. McEvoy schien zufrieden, bei seinem “Alright, Alright” fehlten in der Aussprache mindestens drei Buchstaben.

michael schwarzmann ralf matzka team netapp-endura muensterland giro radrennen 2013

 

Der Start

Der Start erfolgte in der Innenstadt von Beckum, wo an diesem sonnigen Feiertag bereits einige Leute warteten und die Kinder aufgeregt die vorher verteilten, aufblasbaren Stäbe gegeneinanderschlugen. Enrico legte das Teamauto so geschmeidig in die Kurven, dass ich des öfteren vom Haltegriff über der Tür gebrauch machen musste. Auf freier Strecke reihten sich die Autos mühelos und ohne Chaos in die ihnen zugeloste Nummer in der Kolonne. Eine lange, schöne Linie aus Fahrern, Rennleitung, Motorrädern, Teamautos und Krankenwagen machte sich auf dem Weg durch das Münsterland. Enrico hat seinen Beruf mehr als verinnerlicht. Mit einem kritischen Blick aus dem Fenster kommentierte er das Wetter: “Hm, sehr windig heute”. Was mir in der Innenstadt von Münster nicht auffiel, konnte er an den Feldern und Wiesen erkennen, die den starken Böen nachgaben. Da das Rennen größtenteils über schmale Landwege führte, war dies eine wichtige Erkenntnis und sollte den Rennverlauf erheblich beeinflussen. Als das Rennen offiziell gestartet wurde, schaltete Enrico den Kilometerzähler an. 200 Kilometer in mehreren Runden durch das Münsterland folgten.

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Der Tourfunk knarzte durch das Funkgerät und informierte uns über die Fahrernummern in der ersten Ausreißergruppe des Tages. Hans schrieb hinter mir die Nummern auf und nannte Enrico die dazugehörigen Fahrernamen mit Teams. Unter den Ausreißern war auch Tony Martin – wie wir spätestens seit der Vuelta wissen, ist der Zeitfahrweltmeister auch Solo eine ernst zu nehmende Gefahr und könnte den Sprintern das Finish vermiesen. Die Teams, die nicht in der Gruppe waren, gerieten nun unter Zugzwang. Enrico fuhr zum Feld vor, nickte der Rennleitung im Auto kurz zu und wurde zu Scott Thwaites durchgelassen, der sich am Ende des Feldes befand. “We have to be in the break!” rief er dem Engländer durch das Fenster zu, “tell them!” woraufhin Thwaites in die Pedalen trat und sich auf den Weg zum Anfang des Feldes machte.

team netapp-endura muensterland giro 2013 radrennen

Auch wenn es dem Team nicht gelang Teil der Ausreißergruppe zu sein, waren sie die treibende Kraft hinter der Tempoverschärfung im Feld, wodurch der Vorsprung stets unter einer Minute blieb. Hans reichte mir Kuchen und Wasser nach vorne und die Zeit verging wie im Flug. Wir verbrachten die nächsten 60 Kilometer bei strahlendem Sonnenschein in der Wagenkolonne, mit Blick auf vorbeiziehende Felder, jubelnde Zuschauer, passive Zuschauer mit Handykameras, sowie Fahrer und DS’s bei der Pinkelpause. Was ich vor der Fahrt immer nie verstand: wie erkannten die Teamautos, dass einer ihrer Fahrer im Rennen den Arm hoch hielt? Wann immer ein Fahrer im hinteren Feld sich meldete, registrieren dies die Organisatoren und gaben es durch: “Argos, nach vorne, Argos to the front”, woraufhin das Auto aus der Kolonne ausscherten und dem Fahrer Kleidung abnahm, etwas besprach oder ihm Essen und Trinken anreichte. Untereinander gab es in der Kolonne keine Reibereien. Wenn sich ein Fahrer zu lange am Auto fest hielt oder jemand versuchte, im Windschatten der Autos ans Feld heranzufahren, gab es über Funk von der Rennleitung eine Verwarnung im drohenden Tonfall.

Währenddessen fuhr Scott Thwaites scheinbar rückwärts. Er war seit der Tour of Britain krank und konnte nicht trainieren, als unser Auto ihn einholte, erklärte Enrico ihm den Weg zur Verpflegungsstelle, wo unser Bus stand. Er wählte mit gequältem Blick die Option Besenwagen.

Belkin übernimmt

ralf matzka team netapp-endura muensterland giro 2013 teamautoDie Ausreißer fielen nach und nach zurück und beim 80. Kilometer waren alle wieder eingeholt. Das Team Belkin übernahm die Führung und sprengte das Feld. Ein ProTour Team kann in einem solchen Rennen erheblichen Schaden anrichten, daher taten sich große Lücken auf. Wir fuhren an einzelnen Fahrern und kleineren Gruppen vorbei, die nicht mehr mithalten konnten. “Haste gesehen? Belkin kam nach vorne und dann wars vorbei.” Ralf Matzka krallte sich am Fenster fest und erzählte von den Befindlichkeiten im Feld. Hans reichte ihm Wasserflaschen, woraufhin er die alten Flaschen in einem gekonnten, hohen Bogen wegwarf, die neue Bidons blind annahm und im Korb verstaute. Dass ich ihm meine Kamera mitten ins Gesicht hielt, schien ihn nicht zu stören.

“Ich hab ihn schon fast auf der Motorhaube liegen sehen.”

Nach knapp 130 gefahrenen Kilometern wurde ich Zeuge eines perfekten Beispiels von Schwarmintelligenz: Auf einem breiten Abschnitt der Bundesautobahn zerstreute sich die Kolonne in die Breite und einzelne Fahrer steuerten die Teamautos an, um Kleidung abzugeben und Flaschen zu holen. Blaž Jarc wurde zum Auto geschickt und gab einen Klumpen Kleidung ab, besprach sich kurz mit Enrico und belud seine Trikottaschen mit Gels und Riegeln. Er bedankte sich höflich und verschwand kurz vor einer Kurve in einer Lücke zwischen zwei Fahrzeuge, was uns im Auto die Nackenhaare zu Berge stehen lies. Hans lachte, Enrico schüttelte den Kopf.

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Blaž entkam einem Sturz, anderen erging es schlechter. In einem von weitem erkennbaren Turm aus Rädern lagen verheddert drei Fahrer nach einem Sturz innerhalb des Feldes. Sanitäter kümmerten sich darum, schwer verletzt wurde dabei niemand.

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Die letzten 50 Kilometer sollten sich als Rennentscheidend erweisen. Die Musik wurde ausgestellt und der Funk meldete sich im Minutentakt mit den Nummern und Zeiten der aktuellsten Attacken. 40 Kilometer vor dem Ziel konnten sich fünf Fahrer absetzen, die es als Gruppe ins Ziel schaffen sollten. Als sie einen Abstand von einer Minute zum Feld überschreiten konnten, wurden deren Teamwagen über Funk nach vorne beordert. Es wurde ihnen erlaubt, hinter den Ausreißern zu fahren. “Belkin nach vorne, Belkin to the front”.

Ein ungeschönter Einblick ins Hauptfeld

Auf der Suche nach neuen Innovationen in der Radsportübertragung wurde einmal in Erwägung gezogen, den Funk zwischen Auto und Fahrer für die Fernsehzuschauer hörbar zu machen. Für mich leuchtet nun ein, dass das keine gute Idee wäre. Dass der Ton im Feld rau ist, wenn ein Haufen Männer in Spandex mehrere Stunden an ihre körperlichen Grenzen gehen, ist ein Understatement. “Wissta watt, ihr könnt mich mal!” kommentierte ein Fahrer unser Manöver hinüber zu Roger Kluge. Dazwischen: Dreckige Lacher und Spucklaute mit Material aus den Untiefen der Nebenhöhlen. Kluge überblickte die Situation und schilderte Enrico leicht außer Atem aber mit guter Laune den Zustand der Fahrer und die Pläne für das Finale.

Eine finale Runde in Münster

Anscheinend fuhr das Feld durch den starken Wind am Limit und die Ausreißer erreichten schnell einen Vorsprung von zwei Minuten. Somit war die Entscheidung gefallen. Die letzte Runde durch Münster wurde ohne Autos absolviert, weil der Abstand laut Rennleitung zu groß war und die Fahrer die Autos hätten überrunden können.

Wir parkten neben dem Teambus auf dem Münsteraner Schlossplatz, wo die Soigneurinnen bereits fleissig Flaschen verteilten. Es war das letzte Rennen der Saison, somit verschenkten sie alle Bidons, da zum nächsten Jahr sowieso neue geordert wurden. Ich habe mir selbstredend auch welche eingesteckt.

Blaž Jarc sprintete auf den 18. Platz und die verbliebenen Fahrer eierten nach 200 Kilometern in den Beinen zum Bus. Ich unterhielt mich mit den netten Soigneurinnen, die die verbliebenen Flaschen ausleerten und unser Teamauto zusammen mit den Mechanikern freiräumten. Ich ergriff die Gelegenheit und fotografierte Michael Schwarzmann alleine vor dem Bus. Er fragte mich, wie es im Auto war, ich erzählte von Blaž’ haarscharfem Manöver – “Ja, das wird schon manchmal echt knapp”, so Schwarzi, der in seiner Profilaufbahn sicher schon unvermeidbar viele Begegnungen mit dem Asphalt hatte.

michael schwarzmann muensterland giro 2013 profi radrennen

Ich holte mir für die Website noch ein Statement von Enrico und liess mir von den Soigneurinnen den Weg zum Bahnhof erklären. Dorthin lief ich über die Promenade der schönen Stadt Münster. Ein gutes Ende eines Tages, der für mich zu den Highlights in meinem Dasein als Radsportfan gilt.

Startnummern, eine Wissenschaft für sich

Startnummern, eine Wissenschaft für sich

Garmin-Sharp, damals Garmin-Slipstream, zeigen, dass das anheften der Startnummern nicht so einfach ist wie es aussieht. Anscheinend hat jeder Fahrer dabei seine eigene Technik:

Brian Cookson’s Versprechungen als neuer UCI Präsident

Brian Cookson’s Versprechungen als neuer UCI Präsident

Das 20-seitige Manifest von Brian Cookson ist bereits seit Ende Juni frei verfügbar, doch erst durch seine Wahl zum neuen Präsidenten der UCI wird dieses Dokument für den Radsportfan interessant.  24 der insgesamt 42 UCI Verbandsfunktionäre stimmten für ihn und sein “Wahlprogramm”, nun liegt es an Cookson,  Fans und Sportler davon zu überzeugen, dass er seine Versprechen einlösen kann.

brian cookson uci president 2013 british cycling

Foto: Pendle BC Flickr CC-BY-NC-ND

Wer ist Brian Cookson?

Der 62-jährge gibt mit seiner Wahl das Amt als Präsidenten des Britischen Radsportverbandes auf, welches er seit 1997 auführte. Auch wenn man ihm die Erfolge von British Cycling sicher nicht alleine zuschreiben kann, begann mit ihm der Aufstieg des Verbandes zum derzeit erfolgreichsten der Welt. Was mit Chris Hoy und den frühen Erfolgen auf der Bahn begann, wurde bis heute mit Team Sky auf der Straße weitergeführt. Der Erfolg kommt durch die Etablierung der British Cycling Academy für Nachwuchstalente und dem Lotto Fund, welcher den Sportlern ein sicheres Einkommen und dem Verband, auch mit Unterstützung der Regierung, die beste Ausrüstung gewährleistet. Radsport boomt in Großbritannien, irgendetwas muss British Cycling unter Brian Cookson richtig gemacht haben.

Brian Cookson machte seine Kandidatur am 04. Juni bekannt und war somit der einzige Herausforderer von Pat McQuaid, welcher das Amt als UCI Präsident seit 2005 innehielt.

Cookson’s Wahlversprechen – die fünf Hauptpunkte

Cookson verfasste sein Manifest unter dem Slogan “Vertrauen wiederherstellen, Veränderung anführen” und führt fünf, breit gefächerte Hauptpunkte an, mit denen er die Verbände von sich überzeugen wollte. Dabei zielt er, gerade mit dem Slogan, auch auf die Unterstützung der Radsportfans ab.

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Herr Apel und die Hannöversche Holzrennbahn

Herr Apel und die Hannöversche Holzrennbahn

holzrennbahn hannover wülfel bahnrad herr apel NDR

Wer hätte das in Hannover vermutet: Die Radrennbahn in Hannover-Wülfel ist die älteste befahrene Freiluft-Holzrennbahn der Welt. Ich hatte bereits im letzten Jahr einmal die Ehre die Bahn befahren zu dürfen und es hat unheimlich viel Spaß gemacht! Erbaut von Herbert Schürmann, dessen Familie noch immer für den Bau von ein paar der berühmtesten und wohl schönsten Holzbahnen der Welt verantwortlich ist.

Her Apel ist in Wülfel das Herz der Radrennbahn. Mit seinem Fischerhut managt er die Bahn und dessen Instandhaltung so gut wie alleine und das natürlich ehrenamtlich. Die Bahn verbraucht jährlich ca. 25.000€ an Unterhaltungskosten, die von der Stadt Hannover, Sponsoren und durch die Events auf der Bahn gestemmt werden. Der NDR drehte zu Beginn dieser Saison einen schönen, kleinen Film über ihn.

holzrennbahn hannover wülfel bahnrad

Wer vor der Winterpause selbst einmal über die Hölzer brettern will, bringt 10€, sein Bahnrad (hier gelten strenge Regeln, keine Bremsen, kein Firlefanz) mit oder kann sich für weitere 10€ eines der wunderschönen Faggin Räder mieten. Pedalen müssen natürlich auch selbst mitgebracht werden. Die genauen Termine für Jedermänner sowie weitere Termine könnt ihr der Homepage entnehmen.

Projekt Erich – nun in Einzelteilen

Projekt Erich – nun in Einzelteilen

erich möller rennrad bahnrahmen aufbau

Es geht voran! Erich ist in den Großteil seiner Einzelteile zerlegt. Für das Entfernen der Kette und dem Tretlager fehlt mir noch das Werkzeug, was sich in den nächsten Tagen organisieren lässt.

Die größte Herausforderung beim Auseinandernehmen: das Schutzblech. Dreck aus Jahrzehnten, welcher sich unter dem Blech zu einem Rost-Schmutzgemisch verdichtete und mir gerade am Rahmen Probleme bereitete. Ausserdem: unfachmännische Reifenwechsel hatten die Muttern ziemlich durchgenudelt, wobei ich am Ende mit einer Zange hantieren musste. Die meisten Teile habe ich wegwerfen müssen, der Lenker, der Vorbau und die Sattelstange habe ich lieber erstmal behalten.

Sorgen bereitet mir die Gabel, die doch schlimmer aussieht als erwartet. Ziemlich rostig das Ding, mal sehen wie es nach der Reinigung aussieht, die nun als nächstes ansteht.

erich möller rennrad bahnrahmen aufbau